Von Erholung noch keine Spur

Deutschland spürt bislang nur erste Folgen der Krise. Der große Einschlagwird im zweiten Halbjahr 2009 kommen. Viele Firmen werden den Abschwung nichtüberleben

VON Friederike Krieger

D er Modelleisenbahnbauer Märklin, der Porzellanhersteller Rosenthal, der Unterwäscheproduzent Schiesser – seit Ausbruch der Finanzkrise sind Zusammenbrüche namhafter Traditionsunternehmen keine Seltenheit mehr. Auch viele kleine Mittelständler bangen angesichts von Nachfragerückgängen und Kreditklemme um ihr Fortbestehen.

„Die Zahl der Insolvenzen steigt in allen Branchen und Ländern“, sagt Norbert Langenbach, Vorstandsmitglied des Kreditversicherers Coface. „So etwas habe ich in meinen 30 Jahren in der Kreditversicherungsbranche noch nie erlebt.“ Kreditversicherer beobachten die Entwicklung der Firmenpleiten genau. Mit ihren Policen können sich Unternehmen vor dem Risiko schützen, dass ihre Kunden zahlungsunfähig sind.

„Mit Ausnahme der Lebensmittelhersteller und der Pharmakonzerne leiden derzeit fast alle Wirtschaftszweige unter der schlechten wirtschaftlichen Entwicklung“, sagt Langenbach. Viele Menschen fürchten um ihre Jobs und beschränken ihren Konsum auf das Nötigste. Neben der schwachen Nachfrage machen den Betrieben auch Liquiditätsengpässe zu schaffen. „Manche Firmen bekommen keinen Kredit zur Überbrückung der Durststrecke und müssen die Segel streichen, obwohl ihr Geschäftsmodell zukunftsträchtig ist“, erklärt Langenbach.

Vor allem in der Automobilbranche wird es nach seiner Einschätzung in diesem Jahr trotz Abwrackprämie besonders viele Insolvenzen geben. „Hier kommt es schnell zu Schneeballeffekten“, sagt Langenbach. Geht es Automobilherstellern schlecht, betrifft das im Handumdrehen auch seine Zulieferer sowie deren Lieferanten. „Eine Besserung wird sich hier erst um das Jahr 2010 einstellen, wenn die Hersteller ihre Überkapazitäten abgebaut haben“, glaubt er. Auch die Transportbranche leidet stark unter der schwachen Güternachfrage.

Für die Kreditversicherer sind steigende Konkurszahlen ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite steigen die Schäden. „Was wir im vergangenen halben Jahr an Schäden hatten, hatten wir sonst in anderthalb Jahren“, sagt Langenbach. Auf der anderen Seite steigt aber auch das Bedürfnis der Wirtschaft, sich gegen Forderungsausfälle abzusichern. Außerdem werden die Kunden genügsamer. „Früher haben die Unternehmen von uns erwartet, dass wir mindestens 80 Prozent ihres Forderungsvolumens abdecken“, sagt Coface-Manager Langenbach. „Jetzt geben sie sich auch mit 60 bis 70 Prozent zufrieden.“

Im Jahr 2008 meldeten laut Statistischem Bundesamt 29 291 Unternehmen in Deutschland Insolvenz an. Das waren nur 131 mehr Pleiten als im Vorjahr. „Bis Ende des ersten Halbjahres 2008 setzte sich der seit 2004 vorherrschende Trend zu weniger Insolvenzen noch fort“, sagt Michael Bretz von der Wirtschaftsauskunftei Creditreform. „Erst im zweiten Halbjahr begann die Zahl anzusteigen.“ Mehr als die Hälfte aller Insolvenzanträge in Deutschland stammten aus der Dienstleistungsbranche. Vor allem bei Callcentern und Arbeitsvermittlern gingen die Lichter aus. Größte Insolvenz des Jahres war die des privaten Postdienstes Pin Group, dessen Regionalgesellschaften seit der Einführung des Mindestlohns für Briefzusteller Ende 2007 einen Tod auf Raten sterben. Die Einzelhändler SinnLeffers, Hertie und Wehmeyer gingen ebenso in die Knie wie Deutschlands größter Wohnmobilhersteller Knaus Tabbert.

Für 2009 rechnet Langenbach von Coface mit 33 000 Firmenpleiten. Bretz von Creditreform erwartet sogar bis zu 35 000 Insolvenzen. „Wenn sich die Finanzierungsbedingungen und die Konjunktur noch weiter verschlechtern, könnten es noch mehr werden“, sagt er. Bretz schätzt den wirtschaftlichen Schaden, den insolvente Unternehmen der Volkswirtschaft in diesem Jahr zufügen könnten, auf 33 Mrd. Euro.

„Der Insolvenzanstieg wird vor allem im zweiten Halbjahr dieses Jahres besonders hoch sein, da dann die Jahresabschlüsse 2008 vorliegen, worin sich die schlechten Ergebnisse des zweiten Halbjahres 2008 widerspiegeln“, sagt Michael Karrenberg, Leiter des Risikomanagements beim Kreditversicherer Atradius. „Außerdem liegen dann konkretisierte Geschäftsprognosen für das Jahr 2009 vor, die für sehr viele Unternehmen nicht positiv ausfallen werden.“

Bretz von Creditreform glaubt, dass sich die Lage erst nach einer geraumen Weile wieder normalisieren wird. „Viele Experten sagen, im zweiten Halbjahr würde alles besser, doch es wird länger dauern“, glaubt Bretz. Die Erholungsphase nehme mehr Zeit in Anspruch als der wirtschaftliche Abschwung. Zudem treten Bankrotte zeitverzögert auf. Es dauere eine Weile, bis sich ein Unternehmen zum Insolvenzantrag durchringt. „Auch wenn es mit der Wirtschaft wieder bergauf geht, werden wir deshalb noch eine Vielzahl an Firmenpleiten sehen“, sagt Bretz.

Das derzeitige Verhalten der Kreditversicherer trage nicht zur Besserung der Lage bei, glaubt Bretz. „Die Kreditversicherer ziehen sich aus Teilen des Marktes zurück“, sagt er. Das verschlimmere die Situation der Unternehmen.

„Wir sind aus keiner Branche komplett ausgestiegen“, entgegnet Langenbach von Coface. „Es gibt aber Bereiche, in denen wir vorsichtiger geworden sind.“ Das betreffe die Automobilbranche oder Unternehmen, die Geschäftspartner in Großbritannien haben. Hier habe Coface die Deckung einiger Versicherungsnehmer heruntergeschraubt. „Wir haben aber noch keinen Vertrag wegen der Krise gekündigt“, erklärt Langenbach.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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