Gefahr im Griff

Brennt die Industrieanlage ab, ist der Sachschaden oft das kleinste Problem.Der Produktionsausfall kann das Aus bedeuten, wenn nämlich Kunden abwandern.Betriebe müssen ihr Risiko also kennen und vorsorgen

VON Anne-Christin Gröger

Es war Glück im Unglück. In der Silversternacht ging ein Lager der Papierfabrik Julius Schulte in Düsseldorf in Flammen auf. Bereits am nächsten Tag konnte das Unternehmen jedoch wieder produzieren. Die Firma hatte rechtzeitig in die Risikovorsorge investiert: Eine Brandgasse zwischen Lager und Produktionshalle sowie eine Ersatzlagerhalle verhinderten den Totalausfall des Betriebes.

„Risikomanagement ist für viele Firmen ein Bereich mit wachsender Bedeutung“, sagt Günter Schlicht, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Versicherungs-Schutzverbands. Der Verband ist die Lobbyorganisation der Industrie in Versicherungsfragen.

Großschäden durch einen Brand wie in Düsseldorf oder wie im April 2008 im Chemiepark Dormagen sind nicht nur für Mitarbeiter und Anlieger gefährlich. Unfälle diesen Ausmaßes können für einen Betrieb das Aus bedeuten. Schäden an Produktionsanlagen oder Verluste von Lagerbeständen sind meist das geringere Problem. Dafür kommt die Assekuranz auf. Wandern aber Kunden zur Konkurrenz ab, übernimmt kein Versicherer den Schaden. „Daran kann eine Firma pleite gehen“, sagt Christian Els, Geschäftsführer des Risikoberaters SMR, einer Tochter des Versicherungsmaklers Gobert, Gossler und Wolters.

Für Makler ist die Risikoberatung ein interessantes Geschäftsfeld, mit dem sie viel Geld verdienen wollen. „In kaum eine andere Beratung wird derzeit so viel investiert wie in die Gefahrenberatung“, sagt Hendrik Löffler. Er ist Geschäftsführer der Unternehmensberatung Funk RMCE, die zum Makler Funk gehört.

Der Beratermarkt wächst. Neben Versicherungsmaklern und Wirtschaftsprüfern bieten Banken, Unternehmensberater und Versicherer ihre Dienste in Sachen Schadenprävention an. Aufgrund der zahlreichen Vorschriften des Gesetzgebers steigt der Bedarf der Kunden. Das 1998 verabschiedete Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich (KonTraG) zwingt alle börsennotierten Firmen, im Geschäftsbericht ihre wesentlichen Risiken zu benennen. Sie müssen Maßnahmen treffen, um Gefahren zu verhindern und erläutern, was sie konkret unternehmen.

Die größten Sachschäden in der Industrie verursachen Feuer, gefolgt von Explosionen und Naturkatastrophen. „Eine umfassende Schadenvorsorge hat positive Auswirkungen auf den Produktionsprozess“, sagt Achim Hillgraf, Hauptverantwortlicher des Industrieversicherers FM Global. Sein Unternehmen übernimmt nur Risiken, die eigene Ingenieure vorher umfassend geprüft haben. „Unsere Fachleute besichtigen alle Anlagen, bevor wir das Unternehmen versichern“, sagt er. Firmen, die rechtzeitig in die Gefahrenprävention investieren, können Geld sparen. „Betriebe mit gutem Schadenmanagement stellen ein geringeres Risiko dar und können dafür Prämiennachlässe bekommen“, sagt Hillgraf. Unterm Strich müssen Unternehmen für die Gefahrenvorbeugung aber mehr ausgeben als sie durch die Rabatte bekommen, räumt er ein. „Letztendlich liegt es im eignene Interesse der Firma, Risikomanagement zu betreiben“, sagt er.

Häufig koordinieren die Versicherungseinkäufer eines Betriebes diese Aufgaben. Risikovorsorge ist mehr als der Einkauf von Policen gegen Feuer oder Kreditausfälle. Löffler vom Unternehmensberater Funk schätzt, dass nur fünf bis zehn Prozent aller Schäden tatsächlich durch einen Vertrag absicherbar sind. Deswegen ist es wichtig, Versicherungsmanagement und Gefahrenprävention zu verbinden. „Viele Firmen beschränken sich darauf, die Risiken in den Abteilungen getrennt voneinander zu behandeln“, sagt er. „Doch nur wenn sie die Risiken in allen Bereichen erkennen, könnten die Verantwortlichen rechtzeitig gegensteuernde Maßnahmen ergreifen.“

Neben Sturm und Feuer drohen den Unternehmen weitere Gefahren. Macht der Konstrukteur einen Fehler in der Entwicklung einer Maschine, wird auch falsch gefertigt. Fehler in der Produktion wiederum verhindern, dass das Gerät einwandfrei funktioniert. Produktrückrufe sind nicht nur teuer, auch das Image leidet darunter. „Wenn aber alle Bereiche miteinander kommunizieren, kann das Problem frühzeitig entdeckt und ihm vorgebeugt werden, zum Beispiel, indem die Maschine nicht ausgeliefert wird“, sagt Löffler.

Els sieht gerade hier großen Beratungsbedarf. Versicherungsmakler wie Gossler, Gobert und Wolters betreuen Kunden im Bereich der Risikovorsorge. Laut einer aktuellen Studie des Maklers hat ein großer Teil der mittelständischen Betriebe noch überhaupt keine Maßnahmen zur Vorbeugung von Risiken ergriffen. Els rät, in guten Zeiten über eine ausreichende Gefahrenprävention nachzudenken. „Steckt ein Unternehmen erst einmal in finanziellen Problemen, wird es schwieriger, vorzusorgen.“

Seine Mitarbeiter gehen in die Betriebe und analysieren mit den Vertriebsleitern der einzelnen Bereiche und dem Personal aus dem Einkauf die Risiken, mit denen die Firma konfrontiert ist. Die Gefahr eines Produktrückrufs ist gerade in der Lebensmittelindustrie hoch. Finden sich Salmonellen in Nahrungsmitteln oder sind Kleinkinder gefährdet, ist der Ruf ruiniert. Makler und Kunden nehmen den Status quo auf, etwa ob regelmäßige Qualitätskontrollen und Stichproben stattfinden. Sie prüfen gemeinsam, was verbessert werden kann. „Ebenso wichtig ist aber ein genauer Notfallplan“, sagt Els. Er simuliert mit Kunden Situationen, um festzulegen, wer im Schadensfall welche Aufgaben übernimmt.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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