Seeräuber werden immer dreister

Piraten fordern viel Lösegeld und bizzare Wege für die Übergabe. Mitspeziellen Policen können Reeder für finanzielle und logistische Hilfe imErnstfall sorgen

VON Friederike Krieger

Die Intersee Schiffahrtsgesellschaft hat alles richtig gemacht: Sie meldete die Fahrt ihres Mehrzweckfrachters Victoria durch den Golf von Aden bei der Anti-Piraterie-Flotte der EU an und fuhr gemeinsam mit anderen Schiffen durch den überwachten Transitkorridor. Trotzdem schlugen die Piraten zu und kidnappten die Victoria, bevor die Marine eingreifen konnte.

„Auch das Fahren im Konvoi bietet keine hundertprozentige Sicherheit mehr“, sagt Dieter Berg, Leiter der Transportversicherung beim Rückversicherer Münchener Rück. Die Freibeuter greifen schnell in hoher Zahl an oder überrumpeln die Marine mit Ablenkungsmanövern. Die Unsicherheit der Reeder ist groß. Policen, mit denen sie sich gegen die millionenschweren Lösegeldforderungen der Freibeuter absichern können, finden reißenden Absatz. „Die Nachfrage aus Deutschland, aber auch aus Asien und den USA ist sehr groß“, sagt Greg Bangs, Vice President des Versicherers Chubb, der seit rund sechs Monaten speziell auf Reeder zugeschnittene Kidnapping & Ransom-Policen (K&R) anbietet.

Die Versicherung zahlt nicht nur das Lösegeld, sondern stellt dem Reeder auch einen Krisenberater zur Seite, der mit den Entführern verhandelt und die Geldübergabe organisiert. „Die Piraten verlangen oft, dass ein Helikopter das Geld über dem gekaperten Schiff abwirft“, erklärt Bangs.

Teil der Police für Reeder ist eine Haftpflichtversicherung, die leistet, wenn ein Crewmitglied nach einer Entführung Schadensersatzforderungen stellt. Zahlen zum Absatz der Police will Bangs nicht nennen. „Wir haben schon Verträge abgeschlossen und hatten auch schon Schäden in diesem Bereich“, sagt er nur. Laut Versicherungsmakler Aon haben sich die Prämien für eine Fahrt durch den Golf von Aden verzehnfacht. Für eine 3 Mio. $ K&R-Deckung zahlen Reeder rund 30 000 $.

„Diese Policen sind Blödsinn“, glaubt ein anderer Makler. Lösegeldforderungen ließen sich auch über die reguläre Transportversicherung abdecken, indem die sogenannte „Havarie grosse“ erklärt wird. Dieses Instrument kommt normalerweise zum Einsatz, wenn der Kapitän bei schwerer See Ware über Bord werfen muss, um das Schiff, die Crew und den Rest der Ladung zu retten. Dann setzen sich Schiffskasko-, Waren- und Haftpflichtversicherer an einen Tisch und teilen die Schäden unter sich auf. Auch die Lösegeldzahlung an Piraten diene dazu, Schaden von Schiff und Ladung abzuwenden. „Es ist nicht sicher, ob sich die Transportversicherer immer auf die Havarie grosse einlassen“, kontert Bangs. Einige Anbieter betrachten Piraten auch als Terroristen – und schließen Entführungen damit aus der Deckung aus. „Selbst wenn der Transportversicherer das Lösegeld zahlt, muss der Reeder immer noch die Krisenberatung selbst tragen.“

Berg sieht das ähnlich. Abgesehen von der Zahlung des Lösegelds sei Piraterie aber durchaus ein Thema für die Transportversicherer. „Wenn ein Pirat auf einem Öltanker wie der Sirius Star eine Handgranate wirft, würde es zu einem gewaltigen Umweltschaden kommen“, fürchtet er. Dass wäre ein Fall für den Haftpflichtversicherer des Reeders. „Viele Schiffe fahren auch nachts ohne Licht, damit die Piraten sie nicht entdecken“, sagt Berg. „Es hat schon einige Beinahekollisionen gegeben.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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