Dem Feuer die Luft nehmen

Sprinkler war gestern. Sauerstoffsauger sind heute angesagt. Aber die neuenMethoden zur Brandbekämpfung sind noch umstritten

VON Friederike Krieger

Auftragsrückgänge, Kurzarbeit, Entlassungen – die Beschäftigten in der kriselnden Automobilindustrie sind frustriert. Nicht alle schlucken ihren Ärger einfach runter. Der Mitarbeiter eines Automobilzulieferers war so sauer auf seinen Arbeitgeber, dass er im Lager Feuer legte. Die Firma hatte Glück im Unglück: Die Sprinkler sprangen an und löschten den Brand. Der entstandene Schaden betrug 200 000 Euro. „Hätte es keine Schutzmaßnahmen gegeben, wären wahrscheinlich Gebäude und Ware im Gesamtwert von 150 Mio. Euro abgebrannt“, schätzt Frank Drolsbach, Engineering Manager beim Feuerversicherer FM Global.

Brandstiftung wird in der Krise zu einem wichtigen Thema im Risikomanagement der Unternehmen. „Wir suchen das Gespräch mit besonders gefährdeten Kunden und empfehlen ihnen zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen“, sagt Drolsbach. Mehr Sicherheitspersonal, häufigere Wachrunden und ein penibler Test der Brandschutzeinrichtungen sollen die Firmen schützen.

Doch nicht nur Zündler erhöhen die Feuergefahr. Firmen sparen in der Krise am Brandschutz, fürchtet Hans Kahlbrock, Geschäftsführer des Risikoberaters SMR. „Die Unternehmen bauen zwar nicht ihre bestehenden Sprinkleranlagen ab, sie halten sich aber mit Investitionen zurück“, sagt er. Dabei sind Schäden gerade in schlechten Zeiten für Firmen gefährlich. Der Versicherer ersetzt nur den Sachschaden und die Kosten der Betriebsunterbrechung. Mit dem Problem, dass Kunden zu anderen Herstellern abwandern, muss der Betrieb selbst fertig werden. „Wenn das Unternehmen dann ohnehin schon an Umsatzrückgängen leidet und keine Rücklagen mehr hat, droht die Insolvenz“, sagt Kahlbrock.

Andere Beobachtungen als der Risikoberater macht Monika Schrell, Chefingenieurin bei Allianz Risk Consultants, einer Tochter des Industrieversicherers Allianz Global Corporate & Specialty. „Viele Unternehmen nutzen die Auftragsflaute, um Mitarbeiter in Sachen Brandschutz zu schulen oder begrenzte Brandschutzmaßnahmen zu ergreifen“, berichtet sie. Wenn das Geld nicht ausreicht, den ganzen Betrieb mit Sprinklern auszustatten, beschränken sich die Firmen auf die besonders feuergefährdeten Bereiche. „Das Interesse am Brandschutz ist sogar gestiegen“, glaubt Schrell. Die Krise bringe Firmen dazu, sich mit Gefahren genauer zu beschäftigen.

Welche Maßnahmen empfehlenswert sind, hängt vom Unternehmen ab. Für manche Betriebe kann eine Anlage zur Permanentinertisierung ideal sein. Sie senkt den Sauerstoffgehalt der Luft, bis im Raum ein Klima wie auf dem Kilimandscharo herrscht. „Brände entstehen durch die Kombination von brennbarem Material, einer Zündquelle und Sauerstoff“, erklärt Schrell. „Fehlt eine Komponente, kann kein Feuer entstehen.“ Für ein Filmarchiv, das nicht oft betreten wird, sei so eine Anlage sinnvoll. In einem Lager ist die Methode dagegen nutzlos, da mit neuer Ware auch Sauerstoff in das Gebäude dringt. Drolsbach von FM Global kann sich mit solchen Methoden nicht anfreunden. „Das beste Brandschutzkonzept für die Industrie ist der Sprinkler“, sagt er. Bevor FM Global Deckung gewährt, schauen sich Drolsbach und seine Kollegen die Risiken vor Ort genau an.

„Ingenieure einzelner Versicherer konzentrieren sich zu sehr auf Sprinkleranlagen“, sagt Robert Spitz, Chef der Abteilung Global Lines bei Siemens Financial Services, die sich um die Versicherung des Konzerns kümmert. „Auch Brandabschnitte, Brandmelder und eine Betriebsfeuerwehr können sehr effektiv sein“, sagt er. Als Mitte Mai im Siemens-Werk in Berlin-Spandau ein Brand ausbrach, verhinderten Brandschutzmauern und -türen eine Ausbreitung des Feuers. Da sich Siemens nicht von Versicherern vorschreiben lassen möchte, wie das Risikomanagement auszusehen hat, arbeitet der Konzern mit dem externen Risikoberater Global Risk Consultants (GRC) zusammen. Nicht die Risikoexperten der Assekuranz, sondern die von GRC prüfen die weltweit 5000 Siemenswerke auf Schwachstellen beim Brandschutz. „So müssen wir nicht jedes Mal die Risikomanagementphilosophie wechseln, wenn wir den Versicherer wechseln“, erklärt Spitz.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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