Spitzeln und schmieren gegen die Krise

Die Bereitschaft, Regeln zu verletzen, ist hoch

Von Katrin Berkenkopf

Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Krise wächst die Bereitschaft bei Mitarbeitern, gegen interne Regeln oder Gesetze zu verstoßen, um die eigene Position zu retten. „Der Druck auf den Vertrieb steigert auch das Risiko für Compliance-Verstöße“, sagt Stefan Heißner, Partner beim Wirtschaftsprüfer Ernst & Young.

Unter Compliance verstehen Unternehmen, dass sich Beschäftigte an Richtlinien und Vorschriften halten. Das klingt banal. Aber das Thema wird immer wichtiger, weil Behörden, Börsenaufsicht und Öffentlichkeit wachsenden Wert darauf legen, dass sich Firmen an Regeln halten. Schmieren Beschäftigte etwa Kunden, damit der Betrieb Aufträge bekommt, leidet nicht nur das Image. Auch saftige Strafen werden fällig, schlimmstenfalls droht das Aus.

In einer Umfrage von Ernst & Young zeigte sich jeder Vierte bereit, Schmiergelder an Geschäftspartner zu zahlen, um Aufträge für das Unternehmen zu sichern. Wer einen großen Teil seines Gehalts aus erfolgsabhängigen Bonuszahlungen bezieht, will sich die möglicherweise mit unerlaubten Methoden sichern. „Firmen sollten Anreize deshalb kritisch überdenken und prüfen, ob die Zielvorgaben vom vergangenen Jahr noch realistisch sind“, sagt Heißner.

Viele Firmen setzen sogenannte Whistleblower-Hotlines ein, bei denen Mitarbeiter oder auch Lieferanten Anwälten Unregelmäßigkeiten melden können. Selbst wenn sie wenig genutzt werden, seien sie doch ein Zeichen, dass diejenigen geschützt sind, die über illegale Machenschaften berichten, sagt Birgit Galley, Direktorin an der School of Governance, Risk & Compliance in Berlin. Hier können Berufstätige einen MBA-Abschluss mit Spezialisierung auf Risikomanagement und Compliance erwerben. Zum Studium gehört die Bearbeitung simulierter Fälle. Obwohl die Revisoren, Risikomanager oder Juristen genau wissen, dass es Regelverstöße gibt, finden sie längst nicht alle, sagt Galley. „Denn man muss so denken, wie es ein Täter tun würde.“

Ausgespähte Mitarbeiter, geschmierte Geschäftspartner, korrupte Manager – fast im Wochentakt dringen solche Nachrichten an die Öffentlichkeit. Die innerhalb kurzer Zeit aufgedeckten Skandale bei MAN, Bahn, Telekom und Post erwecken den Eindruck, dass sich solche Verstöße häufen. „Ein Fall löst die Aufdeckung weiterer Fälle aus, weil die Unternehmen schauen, ob sie in dem Bereich auch Probleme haben und dann womöglich etwas feststellen“, sagt Heißner. Immer mehr Firmen hängen die Verantwortung direkt beim Vorstand auf. Bei Siemens gibt es seit 2008 ein neues Vorstandsressort für Recht und Compliance.

Auch bei kleineren Firmen wächst das Bewusstsein, sagt Galley. „Es gibt ein Umdenken im Mittelstand.“ Denn Konzerne üben Druck auf Zulieferer aus, um ihre eigenen Compliance-Anforderungen zu erfüllen. „Wirtschaftskriminalität kriegen wir nicht auf Null. Aber wir können Verstöße früher entdecken und damit die Schäden begrenzen.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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