Finanzvertrieb feuert Vorstandschef

Eigentümer des Kölner Anbieters OVB wechseln Michael Frahnert aus · NeuesFührungsduo

Von Herbert Fromme, Köln

Die Branche der Finanzvertriebe wird durch eine spektakuläre Personalie erschüttert. Die Eigner des Kölner Finanzvertriebs OVB haben den Vorstandschef Michael Frahnert mit sofortiger Wirkung aus dem Vorstand abberufen. Die Entscheidung fiel am Dienstagabend einstimmig auf einer Sitzung des Aufsichtsrats im Hamburger Hotel Elysee. Für Frahnert rückt Wilfried Kempchen, 65, in den Vorstand nach. Er übernimmt zusammen mit Finanzchef Oskar Heitz, 55, die bisher von Frahnert wahrgenommenen Aufgaben.

Der Rausschmiss hängt Versicherungskreisen zufolge mit mangelnder Loyalität Frahnerts zusammen. Der Chef habe eine Abspaltung von OVB vorbereitet und führende Vertriebsleute bei einem möglichen Weggang mitnehmen wollen. Derartige Neugründungen und Spaltungen sind in der Branche häufig. So traten vor zwei Jahren Ex-Manager von AWD und MLP mit dem neuen Anbieter Formaxx an. Die Wirtschaftskrise erhöht den Abspaltungsdruck noch. OVB etwa leidet besonders in Osteuropa, wo die Firma die Hälfte ihres Umsatzes macht.

OVB nahm zu den Gründen für den fristlosen Rausschmiss des 63-jährigen Chefs nicht Stellung. Auch Frahnert, der zurzeit im Urlaub ist, wollte sich nicht äußern. In seiner Umgebung war allerdings zu hören, es habe eine „langfristige Entfremdung“ gegeben. Offenbar hätten es einige Versicherer im Besitzerkreis gern gesehen, wenn OVB gerade im Ausland mehr von ihren Policen verkauft hätte. Das habe die unabhängige Organisation aber nicht getan.

OVB verkauft mit selbstständigen Handelsvertretern für Versicherer, Banken und andere Finanzanbieter Verträge. Die 4862 Vertreter erzielten 2008 Provisionseinnahmen von 260 Mio. Euro, ein Zuwachs von 5,7 Prozent. Das Konzernergebnis stieg von 20 Mio. Euro auf 24 Mio. Euro. Die Halbjahreszahlen 2009 sollen deutlich schlechter sein, OVB will sie im August veröffentlichen.

Das Unternehmen ist die Urmutter der deutschen Finanzvertriebe. Sein Kürzel stand für Organisation für Vermögensberatung. Gegründet wurde OVB 1970 von Otto Wittschier, einst Lehrer und Veteran des berüchtigten US-Vertriebs IOS. Mittlerweile gehört das Unternehmen den Versicherern Deutscher Ring, Signal Iduna und Generali. Im Streubesitz liegen 8,4 Prozent, ein großer Teil davon wird von Mitarbeitern gehalten.

Frahnert war nach seinem Wirtschaftsstudium ab 1970 Assistent bei dem früheren SPD-Finanzminister und Chef der Karlsruher Versicherung Alex Möller. Danach machte Frahnert erst bei der Karlsruher und dann bei der Inter Karriere als Vorstand, bis er 1993 zu OVB wechselte. Als die Eigner den Vertrieb 2001 in eine AG umwandelten, wurde er Vorstandsvorsitzender, 2004 auch der neu gegründeten OVB Holding. 2006 ging das Unternehmen an die Börse – vor allem, damit Mitarbeiter ihre Anteile verkaufen konnten.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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