Glaubensfragen vor Gericht

Mit der Broschüre „Ampelcheck Geldanlage“ wollte die VerbraucherzentraleHamburg Kapitalanlagen bewerten – jetzt hat der Versicherer Debeka den Vertriebgestoppt

Anja Krüger

Mit großer Leidenschaft liefern sich Verbraucherschützer und Versicherer einen Krieg um die grundsätzliche Frage: Welche Geldanlage taugt wirklich für die Altersvorsorge? Die Assekuranz setzt naturgemäß auf Lebens- und Rentenversicherungen.

Für viele Mitarbeiter von Verbraucherzentralen ist das jedoch undurchsichtiges und provisionsintensives Teufelszeug. Und diesen Standpunkt machen die Verbraucherschützer auch klar. Mal offen: Der Bund der Versicherten hat das Geschäftsmodell der Lebensversicherer einst als „legalen Betrug“ bezeichnet – eine durchaus statthafte Meinungsäußerung, urteilten Richter damals.

Mal aber auch etwas subtiler. In einer Broschüre listet etwa die Verbraucherzentrale Hamburg von A wie Antiquitäten über B wie Bausparverträge bis zu Z wie Zertifikaten alle möglichen Geldanlagen auf. Ampelfarben zeigen die Sicherheit, Rendite, Liquidität und Transparenz der Anlage. Rot bedeutet Gefahr, gelb Risiko und grün heißt, dass alles in Ordnung ist.

Bei den Bundeswertpapieren auf Seite 14 ist fast alles grün, die Empfehlung für die Altersvorsorge lautet „ja“. Zwei Seiten weiter unter Kapitallebensversicherung/Private Rentenversicherung aber ist fast alles rot. Nur bei Sicherheit ist der Kreis überwiegend gelb, bei Rendite je zur Hälfte rot und gelb. „Geeignet für die Altersvorsorge: Nein“, lautet das vernichtende Urteil.

Das schmeckte den Gescholtenen gar nicht. Der Versicherer Debeka hat vor dem Landgericht Berlin eine einstweilige Verfügung gegen die Verbraucherzentrale erwirkt. Sie darf nicht mehr behaupten, Kapitallebens- und private Rentenversicherungen seien für die Altersvorsorge ungeeignet. Und ihre Broschüre „Ampelcheck Geldanlage“ nicht mehr vertreiben. „Wir sind einen Hauch konsterniert“, sagt Edda Castello von der Verbraucherzentrale Hamburg. Eine harmlose Broschüre sei das.

Die Debeka sieht durch die Broschüre hingegen ihr Geschäftsmodell verunglimpft. Sie verkauft nur klassische Lebensversicherungen. „Wer sich allein auf diese Broschüre verlässt, läuft Gefahr, bei seiner Altersvorsorge gravierende Fehler zu begehen“, schimpft Debeka-Chef Uwe Laue. „Deshalb war es notwendig, die Verbraucher per einstweiliger Verfügung vor diesen Ratschlägen zu schützen.“

Dabei kommt die schärfste Kritik an Lebensversicherungen meist aus der Branche selbst: Vermittler machen die Verträge der Konkurrenz schlecht, damit die Kunden kündigen und neue abschließen.

Die Verbraucherzentrale Hamburg kündigt nun Widerspruch gegen die Verfügung an. Man wolle nur eine einfache, überschaubare Information liefern. Und die bekämen Kunden bei Versicherern nicht, sondern würden stattdessen mit Zahlen, Daten und Tabellen überflutet. Bei der Debeka hat das obligatorische Produktinformationsblatt für Kunden fünf Seiten, bei anderen sind es mehr als 30. „Wir haben viele Bestellungen“, sagt Castello zur Broschüre. Und es dürften bald mehr werden, denn eine bessere Öffentlichkeitsarbeit als einen handfesten Rechtsstreit kann es kaum geben.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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