Swiss Re steckt in roten Zahlen fest

Sonderbelastungen zehren operativen Gewinn auf · Altlasten können noch bisEnde 2010 wirken

Von Herbert Fromme, Köln

D er Rückversicherer Swiss Re in Zürich hat gestern für das zweite Quartal überraschend einen Verlust von 381 Mio. Franken (249 Mio. Euro) ausgewiesen, verglichen mit einem Gewinn von 564 Mio. Franken im Vorjahreszeitraum. Ein Grund für den Verlust ist bizarr: Die Kreditwürdigkeit der Swiss Re hat sich im Quartal verbessert, das führt zur teuren Neubewertung der eigenen Schulden.

Mit dem Verlust hebt sich die Gesellschaft negativ vom größeren Rivalen Münchener Rück ab, der am Vortag einen Gewinn von 703 Mio. Euro für das Quartal verkündet hatte. Anders als die Münchner, die 2009 insgesamt 2,5 Mrd. Euro verdienen wollen, machte Swiss Re keine Vorhersage für das Jahr.

Konzernchef Stefan Lippe erwartet keine Probleme mit den Kunden wegen des Defizits. Das sind Erstversicherer, die Swiss Re gegen Katastrophenschäden und andere hohe Belastungen absichert. Für sie ist die Finanzstärke des Rückversicherers entscheidend. „Die Kunden brauchen und wollen uns“, sagte Lippe der FTD. „Sie verstehen, dass die wirtschaftliche Substanz des Unternehmens heute stärker ist.“

Die Börse reagierte negativ: Das Papier verlor bis zu fünf Prozent, schloss aber mit einem Minus von nur 2,2 Prozent bei 42,48 Franken. Offenbar sind Anleger enttäuscht, weil sie Swiss Re nach dem Gewinn von 150 Mio. Franken für das erste Quartal 2009 bereits wieder auf der sicheren Seite sahen. Denn 2008 hatte der Konzern infolge der Finanzkrise 1 Mrd. Franken verloren.

Swiss Re hatte sich die Verluste durch die Absicherung von Kreditderivaten eingefangen – ähnlich wie sie AIG und die US-Bondversicherer betrieben hatten. Im Februar 2009 löste das Unternehmen den früheren Investmentbanker Jacques Aigrain als Konzernchef ab, das langjährige Vorstandsmitglied Stefan Lippe trat an seine Stelle. Im zweiten Quartal musste Swiss Re weitere 0,6 Mrd. Franken auf verbriefte Produkte abschreiben. Viel schwerer wirkten sich „Bilanzanomalien“ aus, wie Lippe sie nannte. Sie kosteten 1,5 Mrd. Franken.

Der Rückversicherer hatte sich gegen einen Wertverfall seiner Investitionen in Unternehmensanleihen abgesichert. „Auf diese Absicherungen mussten wir 1,1 Mrd. Franken abschreiben“, sagte Finanzchef George Quinn. Die Ursache: Der Wert der Anleihen stieg. Die Abschreibung wurde in der Gewinn-und-Verlust-Rechnung gebucht – während sich die parallele Wertsteigerung der Anleihen in Höhe von 1,9 Mrd. Franken nur im Eigenkapital zeigt, aber nicht positiv in das Ergebnis einfließt.

Lippe beklagte eine weitere Anomalie: „Wir haben 430 Mio. Franken dadurch verloren, dass unsere Kreditwürdigkeit hochgegangen ist.“ Denn ein Unternehmen mit schlechter Kreditwürdigkeit setzt nach US-Bilanzregeln einen Teil seiner eigenen Schulden niedriger an, weil der Kapitalmarkt sie niedriger bewertet. Steigt die Kreditwürdigkeit, steigen auch die Schulden wieder. In Wirklichkeit habe Swiss Re seine Substanz erheblich stärken können, sagte Lippe. „Wir liegen mit unserem Kapital jetzt 4,5 Mrd. Franken über dem, was S&P für eine Bewertung von ,AA` verlangt“, sagte Lippe. „Ende 2008 lagen wir 1,3 Mrd. Franken unter dem Wert.“ Swiss Re hält zurzeit „A+“.

Der Abbau der Altlasten ginge gut voran, sagte Quinn. Vollständig aufräumen konnte er aber noch nicht. Swiss Re brauche möglicherweise noch bis Ende 2010 für den Abbau der Altlasten, sagte er. Bis dahin seien Einschläge durch negative Trends an den Märkten nicht ausgeschlossen.

Lippe strebt an, ausreichend Mittel aufzubauen, um eine Wandelanleihe von Warren Buffett über 3 Mrd. Franken zu zwölf Prozent abzulösen. Mit ihr hatte Buffett Swiss Re Ende 2008 in der größten Not geholfen. Ohne die Ablösung könnte der US-Investor in drei Jahren rund 25 Prozent an Swiss Re übernehmen. Die operativen Ergebnisse stimmen Lippe hoffnungsvoll, genug Geld für die Ablösung zu verdienen. So erzielte Swiss Re eine Schaden-Kosten-Quote von 89,4 Prozent der Beitragseinnahmen im zweiten Quartal, die Konkurrenz in München kam auf deutlich schlechtere 98,1 Prozent.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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