Im Schatten des Kranichs

Der Luftfahrtstandort Köln hat mehr zu bieten als nur Lufthansa: Germanwingshat hier seinen Hauptsitz, Mitte 2010 startet Fedex seinen Betrieb am Flughafen,und das DLR forscht hier an neuen Materialien

VON Patrick Hagen

Geduldig stehen die Menschen vor dem Kölner Flughafen Schlange und warten auf den Shuttle-Bus. Sie sind an diesem Sonntag aus einem ganz bestimmten Grund an den Flughafen gekommen: Sie wollen das größte Passagierflugzeug der Welt sehen, den Airbus A380. Der Riesenflieger landet am 20. September anlässlich des Tags der Luft- und Raumfahrt zum ersten Mal in Köln. Veranstaltet hat den Tag das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Insgesamt 100 000 Besucher wollen einen Blick auf den Airbus erheischen.

Angesichts solcher Begeisterung ist an diesem Tag nichts zu spüren von den Problemen der Luftfahrtindustrie. Doch Michael Garvens, Chef des Flughafens Köln/Bonn, spricht von der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Für dieses Jahr erwartet er, dass die Zahl der Passagiere in Köln von 10,3 Millionen auf 9,4 Millionen zurückgeht. Auch das Frachtvolumen wird schrumpfen, meint Garvens: von 587 000 auf rund 534 000 Tonnen.

Der Welt-Branchenverband IATA geht davon aus, dass die Fluglinien in diesem Jahr Verluste von 11 Mrd. $ anhäufen. Ein Trend, der sich im folgenden Jahr voraussichtlich fortsetzen wird. Die Branche leidet unter einem massiven Rückgang der Nachfrage – vor allem bei Geschäftskunden. Das gilt speziell für die Businessclass und die erste Klasse, die besonders profitabel sind.

Flughafenchef Garvens ist trotzdem optimistisch, dass es in Köln bereits 2010 wieder aufwärtsgeht. „Im ersten Quartal dieses Jahres waren die Rückgänge noch zweistellig, jetzt ist eine Bodenbildung erkennbar“, sagt er. Am stärksten brachen die Frachtzahlen bereits 2008 ein – und zwar um 18 Prozent. Grund war nicht die Krise, sondern die Tatsache, dass die Luftfrachtspezialisten DHL und Lufthansa Cargo ihren Standort nach Leipzig verlegt hatten.

Jetzt blickt man in Köln erwartungsvoll auf Fedex. Das amerikanische Frachtunternehmen startet Mitte 2010 seinen Betrieb in Köln. Zurzeit entsteht hier für Fedex ein Sortier- und Lagerzentrum. „Das wird einen Teil der Verluste, die durch den Weggang von DHL und Lufthansa Cargo entstanden sind, ausgleichen“, sagt Garvens.

Auch für das Segment der Billigflieger, die das Angebot am Köln-Bonner Flughafen dominieren, gibt sich Garvens optimistisch. „Köln ist der größte Low-Cost-Flughafen in Deutschland“, sagt er. „Die Billigflieger können noch Marktanteile gewinnen.“ Die Lufthansa-Tochter Germanwings etwa stockt zum Winter die Kapazitäten wieder auf und wird zwei zusätzliche Maschinen von Köln aus einsetzen.

Germanwings hat seinen Hauptsitz in Köln und kommt hier auf einen Marktanteil von 40 Prozent. Auf Platz zwei folgt TUIfly mit 30 Prozent, die Lufthansa liegt bei zehn Prozent.

Dank der Lufthansa hat Köln auch einen Dax-30-Konzern vorzuweisen. Zwar sitzt der Lufthansa-Vorstand überwiegend in Frankfurt. Köln ist aber offizieller Hauptsitz. Das Finanzressort ist hier mit mehr als 800 Mitarbeitern ansässig. Hinzu kommen Lufthansa-Gesellschaften wie die Versicherungssparte Delvag und die Regionalfluglinie Lufthansa Cityline. „Die Entscheidung, Köln als Hauptsitz für die neue Lufthansa zu wählen, hängt mit den Vorbereitungen für die Wiederaufnahme des deutschen Luftverkehrs in der Nachkriegszeit zusammen“, sagt Lufthansa-Sprecher Bernd Hoffmann.

Bestrebungen, den Sitz des Unternehmens auch nach Frankfurt zu verlegen, gebe es keine. „Mit dem Neubau in Deutz hat Lufthansa die Wichtigkeit des Standorts für den Konzern unterstrichen und sich langfristig festgelegt“, sagt Hoffmann. Im November 2007 hat die Fluglinie ihre neue Hauptverwaltung im Kölner Stadtteil Deutz bezogen.

Bei den Langstreckenflügen kommt Köln nicht gegen die übermächtige Konkurrenz in Frankfurt und Düsseldorf an. Das wertet Hoffmann aber nicht als Nachteil für Köln. „Fluggäste aus Köln und der Region können es sich aussuchen, ob sie das umfangreiche Flugangebot in Frankfurt, Düsseldorf oder Köln nutzen – das ist ein Vorteil“, sagt er.

Außerdem hat der Kölner Flughafen den Vorteil, dass er – anders als Düsseldorf – eine Nachtfluglizenz besitzt. „Das bringt Planungssicherheit für die Fluggesellschaften“, sagt Hoffmann.

Auch für die Luftfahrtforschung ist Köln ein wichtiger Standort. Das DLR forscht hier an neuen Werkstoffen und umweltfreundlichen Antrieben.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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