Industrie droht Assekuranz

Bayer-Versicherungschef Köhler beschuldigt die Branche, ihr Geschäftsmodell nicht zu verstehen

VON Herbert Fromme und

Anne-Christin Gröger , Leverkusen

Große deutsche Industrieunternehmen drohen der Assekuranz damit, einen eigenen Kreditversicherer zu gründen. Grund ihrer drastischen Überlegungen sind die Geschäftsbedingungen der Anbieter, die die Unternehmen als einseitig empfinden. „Die Kreditversicherer haben das Modell Kreditversicherung nicht verstanden“, sagte Gregor Köhler, Versicherungschef von Bayer, der Financial Times Deutschland.

Kreditversicherer decken Firmen gegen den Ausfall von Forderungen bei ihren Kunden ab. In den vergangenen Monaten gab es scharfe Kritik an der Branche aus der Industrie, weil sie Lieferungen an bestimmte Kundengruppen plötzlich nicht mehr abdeckte. Die Reduzierung der versicherten Summen aus Lieferungen, den sogenannten Limiten, gilt als eine der Ursachen einer möglichen Kreditklemme in der deutschen Wirtschaft.

„Wir haben ein seit Jahrzehnten bestehendes Verhältnis mit den Gesellschaften“, sagte Köhler. Deshalb sei es völlig unverständlich, dass die Kreditversicherer nach Jahren hoher Gewinne in der Krise ihre Deckungen zusammenstrichen. „Bayer hat ebenso wie die anderen Chemieunternehmen eine Welle an Limitkürzungen bekommen. Darüber sind wir überhaupt nicht erfreut“, sagte Köhler. „Andere Unternehmen denken ähnlich.“

Adressaten von Köhlers Kritik sind die drei großen Kreditversicherer, mit denen Bayer zusammenarbeitet: die Allianz-Tochter Euler Hermes, Atradius in den Niederlanden und Coface in Frankreich. Sein Wort hat Gewicht: Bayer ist einer der größten Kunden für die Versicherer. In der Branche wird von rund 300 Mio. Euro Prämienvolumen gesprochen. Köhler wollte die Zahl nicht bestätigen.

Die Konfrontation mit den Kreditversicherern kommt zu einem Zeitpunkt, in dem die Beziehungen zwischen Industrie und Versicherungswirtschaft ohnehin angespannt sind. Die Versicherer wollen nach der Finanzkrise und Verlusten mit Kapitalanlagen mit Macht höhere Preise durchsetzen. Die Industrie sieht das nicht ein. „Das Preisniveau ist ausreichend“, sagte Köhler. „Bei einigen Versicherern liegt die Schaden-Kosten-Quote unter 90 Prozent.“ Bisher habe es 2009 keine großen Katastrophenschäden gegeben. „Wenn das so bleibt, werden wir keine Preiserhöhungen auf breiter Fläche bekommen.“

Weiter sagte Köhler: „Die Möglichkeit für die Versicherer, Limite während der Laufzeit zu kürzen, ist der Webfehler der Kreditversicherung.“ Bayer und andere Unternehmen wollten diesen Webfehler beseitigt sehen. Jetzt gibt es dazu Gespräche mit den Anbietern. „Wir haben Handlungsbedarf und werden handeln“, sagte Bayers Versicherungschef. „Wenn alles gut geht, werden wir ab Januar 2010 eine andere Welt haben.“ Auf die Frage, ob das auch die Gründung eines industrieeigenen Kreditversicherers bedeuten könnte, sagte er: „Da ist nichts entschieden.“

Das Problem wird Thema bei der heute beginnenden Fachtagung des Deutschen Versicherungsschutzverbands (DVS) in München sein. Der DVS vertritt die Industrie in Versicherungsfragen.

Dass die Industrie nach Problemen mit etablierten Anbietern eigene Versicherer gründet, wäre nicht neu. So hatten 68 global agierende Industriekonzerne 1968 einen eigenen Haftpflichtversicherer auf Bermuda gegründet, weil sie im Gefolge der Asbestkrise in den USA keine Haftpflichtdeckungen mehr bekamen. Die Pharma- und Chemiekonzerne Bayer, BASF und Hoechst gründeten in den 90er-Jahren das Gemeinschaftsunternehmen Indurisk in Luxemburg, das immer noch arbeitet. „Damit hat man auf überzogene Prämienforderungen der Versicherer in der Umwelthaftung reagiert“, sagte Köhler. Die meisten Dax-Konzerne haben ohnehin eigene Versicherer, Rückversicherer und Makler.

Quelle: Financial Times Deutschland


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