Industrieversicherer ziehen die Daumenschrauben an

Makler kritisieren Regulierungsverhalten der Branche

Von Herbert Fromme, Hamburg

Industrie- und Gewerbeversicherer versuchen immer öfter, nach großen Versicherungsschäden die Zahlungen zu drücken und zu verzögern. Das beklagt die Führung des Verbands der Deutschen Versicherungsmakler (VDVM). „Insbesondere bei Großschäden über 1 Mio. Euro legen die Versicherer eine härtere Gangart an den Tag“, sagte Marsh-Manager Georg Bräuchle vor Journalisten. „Wo immer es denkbar erscheint, eine Deckung in Frage zu stellen, verneinen die Versicherer die Regulierungspflicht“, sage Bräuchle. Sven Erichsen vom Marktführer Aon Jauch & Hübener sagte, jahrzehntelang hätten rund 10 Prozent der Großschäden zu einem Disput geführt. „Heute sind es 30 Prozent.“

Die Versicherer haben in den vergangenen sechs Jahren eine heftige Preisschlacht um die Kunden aus der Wirtschaft geführt. Jetzt versuchen sie mit bislang wenig Erfolg, den Preistrend zu drehen – umso wichtiger wird es für die Unternehmen, die Schadenbelastung zu drücken. „Die Versicherer rüsten auf der Schadenseite auf, während sie bei der Beratung abrüsten“, sagte VDVM-Präsident Leberecht Funk. Die VDVM-Makler schätzen, dass Industrie und Gewerbe 25 Mrd. Euro bis 30 Mrd. Euro an Prämie pro Jahr zahlen, davon alleine die Industrie rund 12 Mrd. Euro. Damit macht der Markt etwa die Hälfte der Schaden- und Unfallversicherung aus, die 2008 auf 55 Mrd. Euro Prämieneinnahmen kam.

„Wir haben die ersten Fälle, in denen Unternehmen durch verzögerte Schadenzahlung in die Insolvenz geraten“, sagte Bräuchle. Kunden, die kurz vor der Pleite stünden, stimmten eher einem schlechten Kompromiss zu, so Erichsen von Aon. „Die Schadenregulierung dauert heute oft sechs Monate länger.“ Die Fälle gingen selten vor Gericht, weil die Kunden die Zeit nicht hätten, sondern würden dann durch einen Vergleich geregelt.

Als Konsequenz stellen Marsh und andere Makler jetzt Ranglisten auf, in denen die Versicherer nach ihrem Regulierungsverhalten beurteilt werden. „Wir stellen die Ranglisten den Kunden zur Verfügung“, sagte Bräuchle. Die Namen besonders rabiater Versicherer wollten die Makler nicht nennen.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit