Totalschaden im All

Nur jeder zweite kommerzielle Satellit steht in den Büchern der Assekuranz.Staaten tragen das Risiko von Weltraumprojekten selbst

Von Anja Krüger

Palapa D sollte nach dem Start Ende August 15 Jahre aus dem All im Auftrag des indonesischen Telekommunikationsunternehmens Indosat senden. Doch die Trägerrakete des Satelliten zündete die dritte Stufe nicht korrekt. Palapa D drohte, in einem viel niedrigeren Orbit als vorgesehen die Erde zu umkreisen. Glück im Unglück: Der Satellit hatte genug Treibstoff an Bord; von der Erde aus gesteuert, gelangte er aus eigener Kraft auf die vorgesehene Position. Jetzt reicht der Sprit nur noch für eine Lebensdauer von zehn Jahren.

Der Rückversicherer Munich Re und andere Versicherer sparen durch die Kurskorrektur viel Geld. Der Satellit war für mehr als 200 Mio. $ versichert. „Wäre er auf der falschen Bahn geblieben, wäre diese Summe komplett fällig geworden“, sagt Ernst Steilen, Weltraumexperte der Munich Re. Jetzt muss die Assekuranz nur ein Drittel zahlen.

Palapa D ist nicht der erste Problem-Trabant in diesem Jahr. Im Januar fiel ein Kollege aus, der Schaden beträgt 120 Mio. Euro. Wenige Monate später konnte ein weiterer Satellit Breitbandanwendungen für mobile Kommunikation nicht wie geplant in Betrieb nehmen – das kostet die Assekuranz ebenfalls 120 Mio. Euro.

„Im Schnitt gibt es im Jahr unter den versicherten Satelliten zwei bis drei Totalausfälle“, sagt Steilen. Die Munich Re ist Marktführer in der Deckung von Weltraumprojekten. Aufgrund der sehr hohen Risiken sind Rückversicherer hier direkt am Abschluss beteiligt. Aktiv sind in diesem Bereich auch Swiss Re und Lloyd’s. Bei Weitem nicht jedes Objekt im All ist versichert. Staaten tragen bei Raumfahrtprogrammen die Risiken in der Regel selbst. Bei Monderkundungen oder Reisen zur Internationalen Raumstation bleibt die Assekuranz außen vor, ebenso bei Spionagesatelliten.

„Nur echte kommerzielle Projekte werden versichert“, sagt Steilen. Sie dienen in erster Linie der Kommunikation. Doch selbst hier haben nicht alle eine Deckung. „Zurzeit gibt es rund 130 versicherte Satelliten“, sagt er. Nach seiner Einschätzung umkreisen mindestens noch mal so viele gewerblich genutzte Himmelskörper die Erde, die nicht versichert sind. Denn der Schutz ist teuer. Die Verträge werden jährlich erneuert. Wenn alles gut läuft, zahlen die Betreiber pro Jahr etwa 1,5 Prozent bis zwei Prozent der Versicherungssumme, sinken die Kapazitäten, steigt der Preis. Die Sparte kommt auf Prämieneinnahmen von weltweit 800 Mio. $ bis 1 Mrd. $ im Jahr. Jedes Jahr starten zwischen 25 und 30 Satelliten, die in den Büchern der Assekuranz stehen. Für sie besteht eine Allgefahrendeckung. Denn aus 36 000 Kilometern Entfernung ist die genaue Ursache bei einem Ausfall nur schwer feststellbar.

Nicht nur die Reise ins All und der Betrieb dort sind enorme Herausforderungen, sondern auch der Bau der Trabanten. „Die Herstellung und Integration erfolgt unter Reinstraumbedingungen“, erklärt Patrick Wendisch vom Bremer Versicherungsvermittler Lampe & Schwartze. Kleinste Verunreinigungen können spätere Fehler verursachen, die sich im All nicht beheben lassen. Deshalb erfolgt der Transport in Spezialcontainern und in sauberer Atmosphäre.

„In Deutschland bieten nur wenige Versicherer Deckung für die Bauphase an“, sagt Wendisch. Das sind große Industrieversicherer wie Allianz, Axa und HDI-Gerling sowie AIG, Basler und Spezialversicherer wie die Nationale Suisse. Bei sehr großen Projekten mit Höchstschadensummen im Bereich von 100 Mio. $ werden von Anfang an Rückversicherer eingebunden.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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