Lebenshilfe für Krisengebiete

Visitenkarten ohne Titel und auswendig gelernte Pin-Nummern als Rettung: WasVersicherer ihren Kunden raten

VON Anne-Christin Gröger

Am Flughafen in Mexiko-Stadt wartet der Chauffeur – mit einem Schild, auf dem der Name des Konzernvorstands aus Europa prangt. In Deutschland ist so ein Empfang selbstverständlich. Doch in Mexiko kann das Plakat das Leben des so Empfangenen in Gefahr bringen.

In politisch unruhigen Regionen Mittel- und Südamerikas oder Teilen des Nahen Ostens sind auffällige Abhol- oder Begrüßungszeremonien am Flughafen äußerst unklug, weiß Peter Bensmann, geschäftsführender Gesellschafter des Assekuradeurs Hansekuranz Kontor. Die Münsteraner Gesellschaft berät Firmen beim Krisenmanagement. „Die Gefahr einer Entführung steigt, wenn auf dem Begrüßungsschild jeder lesen kann, dass gerade ein Vorstandsvorsitzender oder ein anderer wichtiger Manager gelandet ist“, sagt Bensmann. Auch die Entführer wissen, wie Google funktioniert.

Für die meisten Unternehmen ist die Entführung eines Mitarbeiters ein Horrorszenario. Kein Chef möchte öffentlich mit einer Entführung in Verbindung gebracht werden, sagt Peter Geppert, Leiter Special Lines bei HDI-Gerling. Während der polizeilichen Ermittlungen sei es tabu, darüber zu sprechen. Unternehmen wollen nicht als erpressbar dastehen.

Vorsorgen wollen viele trotzdem. HDI-Gerling, Hiscox, Chubb, Allianz und andere Versicherer umwerben Firmen, die Mitarbeiter zu Verhandlungen oder auf Montage in politisch unruhige Regionen schicken. Mit speziellen Lösegeldversicherungen, den sogenannten Kidnap & Ransom-Policen (K&R), decken sie die finanziellen Folgen einer Entführung ab.

„Das Wichtigste bei K&R-Versicherungen ist aber nicht die Lösegeldzahlung, sondern Prävention und Krisenmanagement“, sagt Frederik Köncke, Leiter bei Aon Crisis Management Deutschland, einer Spezialabteilung des Maklers Aon. Der Versicherer beauftragt einen Krisenmanager, der verhindern soll, dass es überhaupt zu einer Entführung kommt. Das Spezialunternehmen schult Mitarbeiter vor Reiseantritt.

Wer in Mexiko-Stadt oder einer anderen gefährlichen Stadt im Auto sitzt, sollte streng darauf achten, dass die Türen von innen verriegelt sind. Sonst können Gangster einsteigen, wenn der Wagen an einer roten Ampel hält. Kommt es trotzdem zu einem Überfall, ist es extrem wichtig, dass der ausländische Gast vorher die Pin-Nummer seiner Kreditkarte auswendig gelernt hat – auch wenn er die sonst niemals benutzt. „Viele haben ihre Pin-Nummer nicht im Kopf“, sagt Experte Bensmann. „Das glaubt aber kein Täter und er wird dem Opfer mit Gewalt zusetzen.“ Eine Alternative sei es, American Express zu nutzen – der Kreditkartenanbieter hat kein Pin-System.

Weitere Vorsichtsmaßnahmen sind neutrale Visitenkarten ohne die Position des Reisenden, Aktenkoffer ohne Firmenlogo und generell ein unauffälliges Auftreten. „Sonst kann aus Raub schnell eine Langzeitentführung werden, wenn der Gangster merkt, wen er vor sich hat“, sagt Bensmann. In solchen Fällen werden die Opfer gern von Bande zu Bande „weiterverkauft“.

Zu den gefährlichsten Regionen gehören derzeit der Irak, Iran, Afghanistan, Pakistan und Mexiko. Auch in manchen Ländern Afrikas ist das Entführungsrisiko hoch. „Wir raten Geschäftsreisenden, immer in internationalen Hotels einzuchecken und nie in kleinen Pensionen abzusteigen“, sagt Köncke von Aon. Er rät zu unauffälliger Kleidung und regelmäßigem Kontakt mit dem Arbeitgeber.

Krisenmanager trainieren mit den Unternehmen auch den Ernstfall. Der Reisende muss wissen, wie er im Fall einer Entführung reagieren soll. „Wichtig ist, dass sich die Geisel kooperativ verhält und keine Ausbruchsversuche unternimmt“, sagt Oliver Schneider, Leiter des Bereichs Corporate Security Solutions bei der Result Group. Der Entführte sollte gegenüber den Entführern höflich bleiben und versuchen, ein Vertrauensverhältnis zu schaffen. „Haben die Kidnapper zu ihrem Opfer eine Beziehung aufgebaut, fällt es ihnen schwer, es später zu töten“, sagt Schneider.

Ist ein Geschäftsmann gekidnappt worden, hilft ein Krisenmanager bei den Lösegeldverhandlungen. Er prüft, ob das Opfer noch am Leben ist. „Der Krisenmanager füllt vor Reisebeginn mit dem möglichen Opfer einen Fragebogen mit Informationen aus, die nur das Opfer kennen kann“, sagt Bensmann. Nur die korrekte Beantwortung gilt dann als Lebensbeweis.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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