Tsunamiwarnung in Chile versagt

Flutwelle überrollt Küste · Chaos in Katastrophengebieten · PräsidentinBachelet bittet um internationale Hilfe

Von Birgit Jennen, Buenos Aires,

und Herbert Fromme, Köln

Nachdem das Ausmaß der Zerstörung durch das Erdbeben in Chile sichtbar wird, kommt Kritik am Krisenmanagement auf. Der chilenische Verteidigungsminister Francisco Vidal musste einräumen, dass die Marine die Bevölkerung nicht rechtzeitig vor dem Tsunami gewarnt hatte, der auf das Beben folgte. Viele Menschen fielen nicht dem Beben, sondern der davon ausgelösten Flutwelle zum Opfer. Die Zahl der Opfer ist allerdings noch unklar.

Am Samstag waren mehrere meterhohe Wellen auf Chiles Pazifikküste zugerollt und zerstörten ganze Städte der Küstenregion. „Als wir die Marine gefragt haben, wie hoch die Welle ist, wurde diese auf 18 Zentimeter geschätzt. Aber sie war meterhoch“, kritisierte die Direktorin der staatlichen Krisenbehörde Onemi, Carmen Fernández, die Informationspolitik der Marine. Auch Chiles Präsidentin Michelle Bachelet hatte die Tsunamigefahr am Anfang unterschätzt. Einige lokale Behörden gaben jedoch eigenmächtig Flutwarnungen heraus.

Mit einem Wert von 8,8 auf der Richterskala war das Beben das schwerste in Chile seit einem Jahrhundert. Angesichts dieser Stärke bezeichneten Experten die Schäden als vergleichsweise gering. Drei Tage nach dem Erdbeben wächst das Ausmaß der Katastrophe allerdings stetig. Mindestens 711 Menschen sind nach Angaben der Behörden dem Erdbeben zum Opfer gefallen. Hiesige Beobachter schätzen aber, dass die Opferzahl in die Tausend geht. Denn in den besonders betroffenen Regionen von Maule und Bíobío werden noch Hunderte Menschen vermisst. „Je mehr Zeit vergeht, desto mehr schlechte Nachrichten werden wir bekommen“, sagte Chiles Innenminister Edmundo Pérez Yoma.

Etwa eine halbe Million Häuser wurden zerstört, zwei Millionen beschädigt. Der Wiederaufbau wird Schätzungen zufolge 30 Mrd. $ kosten, das wären 15 Prozent des chilenischen Bruttoinlandsprodukts. Versicherer und Rückversicherer müssen sich auf mehr als 2 Mrd. $ versicherte Schäden einstellen. Das teilte das US-Fachinstitut Applied Insurance Research mit. Rund zehn Prozent der Wohngebäude im Katastrophengebiet sind demzufolge gegen Erdbebenschäden versichert. Bei Industrie- und Gewerbegebäuden sind es 60 Prozent.

Am Sonntag entsandte die Regierung 10 000 Soldaten in die Krisenregion. In der besonders hart vom Erdbeben verwüsteten Stadt Concepción herrscht Chaos. Um Menschen davon abzuhalten einen zerstörten Supermarkt zu plündern, ging die Polizei mit Tränengas vor. Für die vergangene Nacht wurde eine Ausgangssperre verhängt. Das Chaos hat sich auch auf andere Städte ausgeweitet.

Vor allem in den kleinen Küstenstädten, die durch die Wassermassen zerstört wurden, herrscht Verzweiflung. Die Regierung hat zwar Hilfsgüter in die betroffenen Gebiete entsandt, doch die kommen nur mit Verzögerung an.

Präsidentin Michelle Bachelet bat das Ausland um Unterstützung. Chile benötige Hilfe für Krankenhäuser und Experten für den Wiederaufbau. Die USA, die EU und auch Deutschland haben bereits Hilfe zugesagt.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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