Versicherungs-Megadeal in Asien

Britische Prudential bietet mehr als 30 Mrd. Dollar für AIG-Tochter ·US-Gesellschaft meldet Verlust

Von Francesco Guerrera, New York, Paul Davis, London,

und Herbert Fromme, Köln

Der britische Versicherungskonzern Prudential hat dem angeschlagenen US-Marktführer American International Group (AIG) angeboten, die Asientochter American International Assurance (AIA) für mehr als 30 Mrd. $ komplett zu übernehmen. Prudentials Chef Tidjane Thiam hat dazu in der vergangenen Woche in New York mit der AIG-Führung verhandelt. Der AIG-Verwaltungsrat hat an diesem Wochenende zudem in einer Sondersitzung beraten.

AIA gilt als Filetstück im angeschlagenen AIG-Konzern, hat 20 Millionen Kunden in 13 Ländern und beschäftigt rund 250 000 Vertreter. Der operative Gewinn beläuft sich auf 2 Mrd. $ im Jahr. Die Prudential hat in der Region rund 11 Millionen Kunden. Nimmt AIG das Angebot an, entfällt der in Hongkong geplante Börsengang für AIA, der 20 Mrd. $ einbringen sollte. AIG muss rasch so viel wie möglich der Regierungshilfe von über 180 Mrd. $ zurückzahlen, die das Unternehmen 2008 benötigte. Damals stand der Konzern wegen der Absicherung von Kreditderivatgeschäften kurz vor dem Kollaps.

Das Prudential-Angebot fiel zusammen mit katastrophalen AIG-Geschäftszahlen für 2009 am Freitag. Das Unternehmen meldete für das volle Jahr einen Verlust von 6 Mrd. $, verglichen mit 49 Mrd. $ im Krisenjahr 2008. Besorgniserregend laut Analysten: Das Kerngeschäft Schaden- und Unfallversicherung, das nur indirekt von den Gründen für den Beinahzusammenbruch tangiert war, meldete nur noch 699 Mio. Euro Gewinn – nach 1,9 Mrd. $ im Vorjahr. Die Tochter Chartis, die auch in Deutschland tätig ist, musste im vierten Quartal 2,3 Mrd. $ in die Schadenreserven stecken. Das Unternehmen hatte unzureichende Rückstellungen für Haftpflichtschäden aus den Jahren 2002 und davor gebildet. Die AIG-Aktie verlor am Freitag nach Bekanntgabe dieser Zahlen im New Yorker Handel knapp 10 Prozent auf 24,77 $.

AIG gehört zu 80 Prozent dem amerikanischen Staat. Nur nach einem Börsengang hätte AIG noch einen gewissen Einfluss auf AIA. Ein Gesamtverkauf nimmt AIG diese Möglichkeit. Allerdings muss AIG den höchsten Preis erzielen, um Washington auszahlen zu können. Der Versicherer verhandelt bereits mit seinem US-Konkurrenten Metlife über den Verkauf von Alico, einer weiteren internationalen Tochter, der 15 bis 20 Mrd. $ bringen soll.

Das Prudential-Angebot kann auch andere Versicherer auf den Plan rufen. Asien gilt für Anbieter wie Allianz, Munich Re oder Zurich als Zukunftsmarkt. Allianz-Chef Michael Diekmann hatte am Donnerstag Übernahmen nicht ausgeschlossen, aber erklärt, zunächst müssten die neuen Eigenkapitalregeln unter Solvency II samt Konsequenzen feststehen. Für die britische Prudential – die keine Verbindung zur US-Gesellschaft mit demselben Namen hat – wäre die Übernahme ein Coup. Der Versicherer erzielt bereits ein Drittel seiner Prämieneinnahmen in Asien und würde zum Marktführer in der Region aufsteigen.

Allerdings gibt es Bedenken, ob Prudentials Finanzkraft ausreicht. Der Konzern müsste neben einer Kapitalerhöhung wohl Teile seines britischen Geschäfts verkaufen. In Marktkreisen hieß es dennoch, dass ein Deal möglicherweise schon am Montag bekannt gegeben wird. „Es gibt noch mehrere Punkte, die geklärt werden müssen und den Deal scheitern lassen könnten“, sagte ein Manager, der mit der Angelegenheit vertraut ist. „Aber wenn sie geklärt werden, könnte der Verkauf schon bald bekannt gegeben werden.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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