Versicherungsgroßkunden kritisieren Solvency II

Umsetzung der EU-Eigenkapitalregeln heftig umstritten

Von Herbert Fromme, Köln

Europäische Industriekonzerne befürchten, dass die neuen EU-Eigenkapitalregeln für die Assekuranz das Angebot an Versicherungsschutz für Unternehmen deutlich einschränken und verteuern werden. Scharfe Kritik an der Umsetzung des Regelwerks Solvency II kam am Freitag von der Föderation europäischer Risikomanagementvereinigungen (Ferma) in Brüssel, zu der auch der Deutsche Versicherungs-Schutzverband gehört. Er vertritt die Industrie in Versicherungsfragen.

Damit kommt es zu dem seltenen Fall, dass sich die Großkunden der Kritik der Assekuranz an einem EU-Regelwerk anschließen. Der europäische Versichererverband Cea griff die Umsetzung von Solvency II ebenfalls an.

Die EU hatte nach langer Vorarbeit 2009 eine Richtlinie zur Einführung des neuen Systems erlassen, das die Versicherer krisenfester machen soll. Das Regelwerk soll 2012 eingeführt werden.

Die Experten der in der Vereinigung europäischer Versicherungsaufseher Ceiops zusammengeschlossenen Behörden haben im Auftrag der EU Vorschläge für die Umsetzung erarbeitet. „Das Hauptziel von Solvency II besteht darin, die Interessen der Versicherten zu schützen“, sagte Peter den Dekker, Ferma-Präsident und Versicherungschef des Luftfahrt- und Technologieunternehmens Stork Fokker. Doch die von Ceiops vorgelegten Umsetzungsvorschläge würden das Angebot für Versicherungsschutz deutlich verknappen. „Preiserhöhungen bis 50 Prozent sind möglich“, so den Dekker.

Unter Solvency II messen die Versicherer die Risiken, die sie mit ihren Policen einerseits und den Kapitalanlagen andererseits eingehen. Entsprechend fällt das Kapital aus. Wer hochriskante Industriehaftpflichtrisiken zeichnet, braucht für denselben Umsatz mehr Eigenkapital als ein Unternehmen mit dem Fokus auf privaten Unfalldeckungen. Wer in Aktien investiert, benötigt eine höhere Kapitalunterlegung als bei Anlage in Staatsanleihen.

Vor allem große Versicherer wie Allianz und Munich Re hatten Solvency II jahrelang begleitet und begrüßt. Sie erhoffen sich eine Marktbereinigung und mehr Nachfrage nach Rückversicherungsschutz. Kleine Gesellschaften waren schon immer skeptischer. Die Umsetzung durch Ceiops fiel wegen der Finanzkrise deutlich härter aus als erwartet. Cea hat errechnet, dass die Gesellschaften 30 bis 50 Prozent mehr Kapital brauchen.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit