Deutsche Assekuranz glaubt sich außen vor

Marktführer sehen kaum Schäden · Experten erwarten dagegen Belastungen ·Zerstörungen auf Island wahrscheinlich

Von Friederike Krieger, Köln

Die Aschewolke des Vulkans Eyjafjallajökull auf Island und die wirtschaftlichen Folgen, vor allem der Ausfall des Luftverkehrs, werden kaum zu Schäden für die Assekuranz führen. Das glauben führende deutsche Versicherer. Amerikanische Branchenexperten rechnen dagegen damit, dass Belastungen auf die Branche zukommen.

„Der Vulkanausbruch ist mit anderen wetterbedingten Ereignissen wie Schnee, Eis und Frost vergleichbar, nur dass dieses Mal Asche den Flugverkehr behindert“, sagte ein Sprecher des weltgrößten Rückversicherers Munich Re. Auch im zurückliegenden Winter, als heftige Schneefälle und strenger Frost den Flugverkehr teils lahmlegten, seien keine nennenswerten versicherten Schäden entstanden. Es handele es sich um höhere Gewalt. Die Flugausfälle der Airlines seien in der Regel nicht versichert. Entsprechende Policen könnte zwar angeboten werden. „Bis jetzt gab es dafür keine Nachfrage im Markt. Vielleicht ändert das sich jetzt.“

Die Allianz sieht auch die Reiserücktrittsversicherung nicht betroffen. Sie greife bei unvorhersehbaren Ereignissen im persönlichen Umfeld von Reisenden, etwa bei Krankheit oder Todesfällen in der Familie, sagte eine Unternehmenssprecherin. Wer am Flughafen festsitze, wende sich dagegen üblicherweise an die Fluggesellschaft.

„Für Verspätungen von mehr als drei Stunden müssten Versicherer aufkommen, ebenso für stornierte Flüge“, sagte dagegen John Titt, zuständig für die Luftfahrtversicherung beim bedeutenden US-Versicherungsmakler Lockton. „Es wird spürbare Schäden aus Verspätungen und Stornierungen geben, daran kann kein Zweifel bestehen.“

Auch Gordon Woo vom Risikomodellierer Risk Management Solutions (RMS) glaubt, dass die Versicherungsindustrie von dem Vulkanausbruch betroffen ist. So könnten Betriebsunterbrechungsversicherungen der Luftfahrtindustrie wegen der Schließung des Luftraums greifen, sagte Woo. RMS errechnet aufgrund von Daten der Assekuranz die Auswirkungen von Naturkatastrophen.

Nach Ansicht der Munich Re müssen Betriebsunterbrechungsversicherungen für Unternehmen nicht leisten, wenn deren Produktionsanlagen wegen des Ausbleibens von per Luftfracht beförderten Komponenten oder Ersatzteilen stillstehen. Die Policen zahlen nur, wenn ein Sachschaden für die Betriebsunterbrechung ursächlich ist. Das träfe hier zu, wenn etwa die Vulkanasche eine Maschine eines Zulieferers beschädigt hätte und deshalb dessen Lieferung ausfällt. „Das ist aber extrem utopisch“, sagte der Konzernsprecher. Die Dichte der Partikel in der Aschewolke sei dafür zu gering.

In Island selbst wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu versicherten Schäden kommen. Der Vulkanausbruch lässt Gletscher abschmelzen, sodass die Wasserspiegel der Flüsse ansteigen. Schäden durch Vulkanausbrüche und Gletscherschmelzen sind durch Islands Naturkatastrophenfonds abgedeckt.

Schnell wird sich der Vulkan nicht beruhigen. „Der letzte Ausbruch des Eyjafjalla dauerte zwölf Monate“, sagte Bill McGuire von Aon Benfield UCL Hazard Research, einer Risikoanalyseabteilung des Rückversicherungsmaklers Aon Benfield. „Wenn diese Eruption ähnlich lange dauert, könnte die Asche in wiederkehrenden Abständen ein Problem für den Luftraum bedeuten.“

Experte Woo von RMS fürchtet, dass der Eyjafjallajökull den benachbarten Vulkan Katla anstecken könnte. „Die Katla ist einer der aktivsten Vulkane in Island, und sie ist bekannt für ihre heftigen Ausbrüche mit gewaltigen Gletscherfluten, die das, was wir bisher gesehen haben, bei Weitem übersteigen“, sagte Woo. „Als Konsequenz könnten die direkten versicherten Schäden im Laufe der kommenden Monate erheblich ansteigen.“

Agenda25

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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