Finanzaufsicht verdächtigt Versicherer

BaFin befürchtet Zockerei mit Lebensversicherungen

Von Herbert Fromme, Köln

Die Finanzaufsicht BaFin misstraut dem Geschäftsgebaren deutscher Lebensversicherer. In einem Schreiben an alle Gesellschaften, das der FTD vorliegt, verlangt die Behörde jetzt erstmals detaillierte Daten über sogenannte Kapitalisierungsgeschäfte. Anleger zahlen dabei einen festen Betrag in einen gut verzinsten Lebensversicherungsvertrag ein, den sie kurzfristig und ohne Verluste kündigen dürfen.

Diese Kapitalanlagen sind selbst in der Branche umstritten. Für die Versicherer sind sie entscheidend, um mehr Neukunden zu gewinnen. Kritiker monieren, dass damit die Gewinne der Bestandskunden sinken. Nur so könnten Versicherer höhere Zinsen als Banken anbieten. Bei einer langen Niedrigzinsphase könnten Versicherer nicht alle Zusagen erfüllen.

Millionen Sparer betroffen

Sollten diese Befürchtungen zutreffen, wären Millionen Anleger betroffen. Rund 95 Millionen Lebensversicherungen sind derzeit in Kraft, mehr als 60 Millionen davon als Spar- und Altersvorsorgeverträge. Die Gesellschaften haben daraus 660 Mrd. Euro angelegt.

Die BaFin drängt daher zur Eile: „Bitte übermitteln Sie Ihre Antwort bis Mittwoch, 19. April 2010“, heißt es in dem Schreiben von vergangener Woche. „Im Lichte der Entwicklungen in der Lebensversicherung“ verlangen die Finanzaufseher von allen Versicherern Einzelheiten über den Anteil dieser Geschäfte an den gesamten Prämieneinnahmen, die entsprechenden Kapitalanlagen, die erwarteten Kündigungsquoten sowie die möglichen Risiken.

„Das ist eine klare Warnung der BaFin an die Versicherer“, sagte ein Manager. Sie dürften es mit dem Einmalgeschäft nicht übertreiben und müssten sicherstellen, dass keine Subventionierung stattfindet. Dazu passt, dass die BaFin in dem Schreiben auch auf frühere Verlautbarungen zu Kapitalisierungsprodukten hinweist. Die BaFin nahm nicht Stellung.

Klassisches Geschäft bricht ein

Nur mithilfe von hohen Einmalbeiträgen von 21 Mrd. Euro haben

die Lebensversicherer 2009 ihre Beiträge um 7,1 Prozent auf 85,2 Mrd. Euro steigern können. Das klassische Geschäft mit monatlichen Beiträgen brach dagegen ein.

Die Branche schätzt, dass die unter bestimmten Voraussetzungen von der BaFin ausdrücklich erlaubten Kapitalisierungsprodukte nur rund ein Viertel der Einmalbeiträge ausmachen. Allerdings ist die Abgrenzung schwierig: Wenn ein Anleger 200 000 Euro für eine in zwölf Jahren beginnende Rentenversicherung zahlt, kann er bei vielen Firmen innerhalb des Zeitraums kündigen – und schon nach wenigen Monaten lukrative Zinsen von deutlich über zwei Prozent mitnehmen, die im Laufe der Zeit noch steigen. Derartige Verträge kommen einem Kapitalisierungsprodukt sehr nahe.

Viele Versicherer beteuern, dass sie nur bestehenden Kunden solche „Parkdepots“ anbieten. Doch sind zahlreiche Fälle bekannt, in denen Versicherer diese Angebote auch Erstkunden machen.

lukratives Geschäft21

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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