Allianz will Lieferausfälle versichern

Industriechef Axel Theis lotet Kundeninteresse an neuen Deckungsformen aus ·FTD-Interview

VON Herbert Fromme, Köln

Der Allianz-Konzern sondiert die Vermarktungschancen einer verbesserten Versicherung von Produktionsunterbrechungen. Viele Probleme, die nahe an unternehmerischen Risiken lägen, seien bislang nur schwer versicherbar. „Da sind wir dran. Dabei geht es zum Beispiel um die Unterbrechung der Lieferketten und Neuentwicklungen, Erprobungsphasen und ähnliches“, sagte Axel Theis, Chef des Industrieversicherers Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS), der FTD.

Aktueller Anlass für solche Überlegungen ist die durch die Vulkanasche ausgelöste Zwangspause im Flugverkehr. Die damit verbundenen Lieferausfälle sind derzeit nicht durch entsprechende Policen für eine Betriebsunterbrechung abgedeckt. Bislang ist diese nur versichert, wenn sie einhergeht mit einem Sachschaden, beispielsweise wenn ein Feuer die Fabrik eines Zulieferers zerstört hat.

Große Unternehmen kritisieren, dass die Versicherer ihnen nur einen kleinen Teil der tatsächlichen Risiken abnehmen. „Wir stehen vor der Herausforderung, weitergehende Deckungen für Vermögensschäden anzubieten“, sagte Theis. Die Allianz habe hier gegenüber der Konkurrenz einen Vorteil: „Hier sind die Risiken viel komplexer, das kann nicht jeder.“ Theis verspricht sich von diesem Segment höhere Margen. Denn der Druck auf Preise und Bedingungen sei aufgrund der besonderen Risiken viel geringer als im Markt für Standard-Feuerversicherungen.

Der durch Vulkanasche erzwungene Flugausfall im April hat zu Diskussionen über die Lücken in der Versicherung gegen Betriebsunterbrechungen geführt. „Wir diskutieren das mit Kunden“, sagte Theis. „Wenn genügend bereit sind, dafür den nötigen Preis zu zahlen, können wir ein Produkt anbieten.“

Mit 2,8 Mrd. Euro Prämie ist die AGCS einer der Weltmarktführer. In Deutschland und Europa sieht sie sich an erster Stelle, weltweit hinter AIG als Nummer zwei. Die Konkurrenz mit dem vom Staat 2008 aufgefangenen US-Giganten sieht Theis gelassen. „Wenn die US-Regierung dahintersteht, ist das natürlich eine Wettbewerbsverzerrung. Vor allem, wenn dann auch noch aggressiv jede Prämie mitgegangen wird. Aber wir können es nicht ändern.“ Das globale Netzwerk des Rivalen werde schwächer, die AIG mehr zum lokalen Versicherer.

Die AGCS ist hoch profitabel – trotz der vergleichsweise niedrigen Preise im Kerngeschäft. Theis sieht hier noch keine Änderungen. „Es kann sein, dass die im Golf von Mexiko gesunkene Plattform einen Wendepunkt bedeutet“, sagte er. Jedoch gebe es immer noch ausreichend Versicherungskapazität. Die AGCS ist von dem Plattformunglück mit 500 000Euro betroffen.

Für 2010 erwartet er keinen Einbruch. „Aus unserer Sicht ist die Krise vorbei. Es wird kräftig investiert“, sagte er. Viele Kunden hätten aber in der Krise weniger Schutz eingekauft. „Da stellt sich die Frage, ob die dabei bleiben oder wieder mehr einkaufen.“ Südamerika und Osteuropa stehen ganz oben auf Theis‘ Prioritätenliste bei der Expansion. „Ich erwarte, dass wir in Brasilien unsere Jahresprämie von 50 Mio. Euro in drei Jahren mehr als verdoppeln können.“

Die AGCS besteht seit 2005 und ist weltweit für Unternehmenskunden mit mehr als 500 Mio. Euro Umsatz zuständig. Bei kleineren Firmen agieren die Landesgesellschaften. In wenigen Monaten soll die AGCS in eine Europa-AG, die Societas Europaea (SE), umgewandelt werden.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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