Provinzial liebäugelt mit Vergangenheit

Düsseldorfer Sparkassenversicherer will bei Gewerbe und Industrie zulegen ·Vorstand Sabine Krummenerl im Interview

Von Herbert Fromme, Düsseldorf

Der Düsseldorfer Regionalversicherer Provinzial Rheinland will in fünf Jahren dort sein, wo er vor 20 Jahren war. Das Unternehmen peilt an, in den kommenden fünf Jahren das Volumen im Industriegeschäft zu verdoppeln. „Das wäre dann ungefähr der Anteil dieser Sparten am Gesamtgeschäft, den die Provinzial vor 20 Jahren hatte“, sagte Vorstand Sabine Krummenerl der FTD.

Die frühere Allianz-Managerin verantwortet seit Juli 2009 den Bereich bei der Provinzial mit Beiträgen von 205 Mio. Euro. Er umfasst die landwirtschaftliche Versicherung, aber nicht die Autoflotten von Unternehmen. Die Provinzial gehört mehrheitlich den Sparkassen.

Ende der 90er-Jahre durchlebten viele Versicherer eine Phase hoher Verluste, die aus dem umkämpften Geschäft mit großen und kleinen Firmen resultierten. Die Strategie, die Defizite durch Gewinne aus Kapitalanlagen auszugleichen, scheiterte spätestens mit der Aktienkrise 2001 bis 2003. Seither haben sich einige Konzerne wie Generali aus dem Segment zurückgezogen, andere wie Provinzial Rheinland reduzierten ihr Engagement deutlich.

Doch wer in der Industrie- und Gewerbeversicherung tätig blieb, verdiente dank heftiger Preiserhöhungen prächtig, auch wenn die Preise in jüngster Zeit wieder gefallen sind. Gleichzeitig wurde es immer schwerer, im Bereich Privatkunden profitabel zu wachsen.

„Schon mein Vorgänger hat das Ruder herumgerissen“, sagte Krummenerl im FTD-Interview. Mit ihr an der Ressortspitze geht das Unternehmen jetzt aber auf Expansionskurs. Beispiel Wohnungswirtschaft: Hier war die Provinzial jahrzehntelang Marktführer in der Region, kündigte dann aber Mitte des Jahrzehnts nach schweren Verlusten viele Verträge – teilweise nach Meinung von Kunden recht rabiat. „Wir haben noch 30 Prozent des Bestands von 2005“, rechnete Krummenerl vor. Hier gebe es schon Anzeichen einer Trendwende. „Wir haben für 2010 zum ersten Mal seit sechs Jahren wieder mehr Beiträge als im Vorjahr“, sagte sie.

Bei der Versicherung von Kommunen und Sparkassen hat die Provinzial traditionell eine starke Stellung. Diese kann allerdings auch mit hohen Schadenlasten verbunden sein. Der Einsturz des Kölner Stadtarchivs kostete die Gesellschaft vergangenes Jahr 61,5 Mio. Euro, eine Nachreservierung für den katastrophalen Flughafenbrand in Düsseldorf vom April 1996 schlug mit weiteren 35 Mio. Euro ins Kontor. Die Versicherung der Managerhaftpflicht mache in der momentanen Lage „nicht nur Freude“.

Für die Trendwende setzt Krummenerl auch auf den Mehrheitseigner Sparkassen. Sie sollen deutlich mehr Firmenpolicen verkaufen, zurzeit sind sie vor allem bei Privatleuten mit Lebenspolicen aktiv. „Wir versuchen, die Vorstände zu überzeugen, und wollen in die Zielsysteme der Sparkassen für ihre Firmenberater aufgenommen werden. Einige setzen das schon um.“

Außerdem öffnet sich das Unternehmen für Makler. „Man kann das industrielle Geschäft nicht an den Maklern vorbei machen“, sagte Krummenerl. Im Industriegeschäft mit versicherten Summen oberhalb von 12,5 Mio. Euro zielt sie vor allem auf den großen Mittelstand. „Bei mehreren Dax-Konzernen sind wir an den Risiken beteiligt, aber wir führen sie nicht“, sagte sie und spielt damit auf die Rollenverteilung in einem Versicherungskonsortium an.

Wenn Henkel seine großen Werke im Ausland versichern wolle, könne die Provinzial das kaum. „Das ist bei Mittelständlern anders, auch wenn sie zehn Produktionsstandorte in Deutschland und einige im benachbarten Ausland haben.“ Das Unternehmen hat 15 eigene Ingenieure allein in der Schadenverhütung. Mit der Provinzial Münster und der VGH in Hannover bestehen Vereinbarungen, um bei größeren Risiken Kapazitäten zusammenzulegen. Die im Privatkundengeschäft obligatorische Beschränkung der öffentlichen Versicherer auf die eigene Region gilt im Industriegeschäft nicht.

In der Vertragserneuerung zum Jahreswechsel 2009/10 habe es eine Stabilisierung bei den Preisen gegeben. „Das war ein Jahr zuvor noch wirklich heftig“, sagte Krummenerl mit Blick auf den Preisverfall. Die Kunst sei, das geplante Wachstum bei der Provinzial so zu steuern, dass keine roten Zahlen herauskommen. „Wir könnten sehr viel Geschäft in speziellen Haftpflichtsegmenten zeichnen, beispielsweise für Hebammen und Krankenhäuser.“ Doch aus diesen zurzeit verlustbringenden Sparten hält sich der Versicherer heraus – auch wenn er prinzipiell sein Haftpflichtgeschäft ausbauen will.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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