Kein bisschen Frieden

Im Lager der Gesundheitslobbyisten gibt es Streit. Die privatenKrankenversicherer dürfen jetzt nicht länger mit dem Slogan „Lieber versichertals verwaltet“ werben

Anja Krüger

Mit mühsam ausgehandelten Kompromissen ist es so eine Sache. Wichtig ist nicht nur, was unter dem Strich dabei herauskommt. Wichtig ist auch, wie man hinterher den Kompromiss als Erfolg verkaufen oder wenigstens sein Gesicht wahren kann. Das ist so bei Koalitionsverhandlungen.

Aber auch bei politischen Kompromissen wie der in der vergangenen Woche verabschiedeten Gesundheitsreform. Die gesetzlichen Krankenkassen dürfen künftig Zusatzbeiträge erheben, worüber sich der Verband der gesetzlichen Kassen freuen darf. Höhere Beiträge und lockerere Zugangsbedingungen machen wiederum ab 2011 die private Krankenversicherung attraktiver, was diverse Anbieter zu triumphal klingenden Pressemitteilungen nutzten.

Die Bandagen sind hart zwischen den Lobbyisten. Es wird sich wechselseitig traktiert zwischen den Verbänden, als würden zwei Einbeinige gegeneinander bei den jährlichen Meisterschaften im Schienbeintreten im englischen Chipping Campden antreten: Wenn die Manager der privaten Krankenversicherer mal wieder der Welt und den Kollegen von den gesetzlichen Krankenkassen zeigen wollen, wie toll ihr Geschäftsmodell ist. Oder umgekehrt.

Jüngste Kapriole im Wettbewerb zweier angeschlagener Konkurrenten: Die tiefsinnigen Slogans „Lieber versichert als verwaltet“ und „Ein schuldenfreies Gesundheitswesen? Haben wir“ aus der aktuellen Selbstlobkampagne des Verbands der privaten Krankenversicherung (PKV) dürfen nach einer einstweiligen Verfügung des Landgerichts Köln vorerst nicht mehr veröffentlicht werden.

Die Verfügung hat die Wettbewerbszentrale erwirkt. „Wir begrüßen diesen Schritt ausdrücklich“, lässt der Chef des Ersatzkassenverbandes VDEK, Thomas Ballast, via Mitteilung verbreiten.

Na, so was. Schließlich hat der VDEK selbst die Wettbewerbszentrale zu diesem Schritt aufgefordert – was der Verband in seiner Mitteilung allerdings schamhaft verschweigt.

Die gesetzlichen Kassen jedenfalls fühlen sich durch die kassierten Slogans diffamiert und einem „unfairen“ Vergleich ausgesetzt. Beim dritten Slogan der Kampagne „Gesundheit kann man nicht garantieren. Leistung schon“ ist das offenbar nicht der Fall. Den hat niemand moniert. Kein Wunder. Denn wenn der Gesetzgeber es so will, dann zahlen die Kassen selbst Blinddarmoperationen nicht mehr. Die Privaten zahlen dagegen, was im Vertrag steht. Aber genau das ist oft das Problem. Denn der Kunde hat womöglich gar nicht verstanden, worauf er im Gegensatz zum Kassenpatienten keinen Anspruch hat.

Schon gar nicht akzeptieren wollen die Kassen, dass sich die PKV als „Gesunde Versicherung“ darstellt. „Exorbitante Ausgabensteigerungen und Prämienererhöhungen sind jedenfalls kein Beleg dafür, dass eine Versicherung gesund ist“, ist Ballast überzeugt.

Wohl wahr. Interessant wäre allerdings, wie seine Diagnose für die gesetzliche Krankenversicherung lauten würde, die unter einem Milliardendefizit leidet. Siechtum?

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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