Keine Entwarnung

Folgen der Finanzkrise und hohe Kosten schmälern die Rendite bei britischen Lebensversicherungen

VON Anne-Christine Gröger

und Anja Krüger

Mit vollmundigen Renditeversprechen haben britische Lebensversicherer in der Vergangenheit um Anleger geworben. Zehn, zwölf Prozent pro Jahr sollten ihre Verträge bringen. Die Finanzkrise hat auch hier ihre Spuren hinterlassen, reihenweise mussten die Anbieter die Guthaben ihrer Kunden abwerten. Jetzt haben sich die Finanzmärkte erholt, der Katzenjammer müsste eigentlich vorbei sein – sollte man meinen.

Das Gegenteil ist der Fall. Die Anbieter jedenfalls sind nicht bereit, Entwarnung zu geben. „Wir können keine generellen Aussagen darüber machen, wie sich die Policen entwickelt haben“, sagt eine Sprecherin von Clerical Medical. Standard Life räumt immerhin ein, dass es mit den vor dem Abschwung prognostizierten Renditen wohl nichts werde. „Die Krise ist auch an uns nicht spurlos vorbeigegangen“, sagt eine Sprecherin. Legal & General hat das Neugeschäft in Deutschland sogar ganz eingestellt, Clerical Medical die Produktpalette wegen sinkender Nachfrage „angepasst“.

Die Investition in eine Lebensversicherung ist angesichts der sehr verschiedenen Angebote eine heikle Sache, interessierte Anleger sollten sich auf eine komplizierte Materie gefasst machen. Grundsätzlich gilt: Die Versprechen der Anbieter sind unverbindlich – es sei denn, es handelt sich um eine definitive Garantiezusage.

Die klassische deutsche Lebensversicherung trotzt bislang den Stürmen an den Finanzmärkten. Anleger erhalten eine Garantieverzinsung von aktuell 2,25 Prozent auf den Sparanteil der Prämie. Der Kunde bekommt über die Garantie hinaus eine Überschussbeteiligung von im Branchenschnitt zurzeit 4,2 Prozent. Bei deutschen fondsgebundenen Lebenspolicen dagegen trägt der Kunde das Kapitalmarktrisiko, hat dafür aber auch bessere Renditechancen. Er kann eine Garantie wählen, das schmälert aber den Ertrag.

Bei britischen Lebensversicherungen arbeiten die Anbieter mit dem sogenannten Smoothing, einem Glättungsverfahren, um das Kapitalmarktrisiko abzufedern. Fällt die Rendite in einem Jahr besonders gut aus, halten die Versicherer einen Teil des Gewinns zurück, um damit renditeschwächere Jahre auszugleichen. Problem: Der Kunde bekommt die volle Ausschüttung nur, wenn er bis zum Ende dabei bleibt. Die Briten investieren häufig in selbst verwaltete Fonds, während die Fonds der deutschen Anbieter oft öffentlich und damit auch für den Kunden einsehbar sind. „Der Kunde kann bei britischen Lebensversicherungen nicht nachvollziehen, welche Entscheidungen das Fondsmanagement genau trifft“, sagt Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.

Manche britischen Anbieter garantieren ein Jahr im Voraus einen bestimmten Wertzuwachs, den sie in jedem Fall gutschreiben müssen. In den vergangenen Jahren lag dieser zwischen 1,5 und zwei Prozent. Andere sichern nur den Kapitalerhalt der Beträge zu. Beunruhigend: Die Anbieter weigern sich, auch nur ansatzweise zur Wertentwicklung der Verträge Stellung zu nehmen. „Wir können dazu keine allgemeinen Angaben machen“, sagt die Sprecherin von Clerical Medical. Detaillierte Angaben gibt es auch nicht. Bei Standard Life und Legal & General ist die Botschaft ähnlich.

Nicht nur für den Ausgleich durch das Smoothing ist es wichtig, bis zum Ende des Vertrags durchzuhalten. Denn die interessanten Beträge zahlen die Briten ihren Anlegern erst am Ende der Laufzeit. Der Schlussbonus macht einen erheblichen Anteil an der Gesamtrendite aus. „Letztendlich ist das Geld bei den britischen Anbietern nicht schlechter angelegt als bei deutschen“, sagt Martin Zsohar, Geschäftsführer vom Analysehaus Morgen & Morgen. „Der Kunde muss sich nur klar darüber sein, dass die Garantien niedriger sind und dass er bis zum Ende der Vertragslaufzeit dabei bleiben muss.“ Zsohar ist allerdings davon überzeugt, dass die Zeiten zweistelliger Renditen vorbei sind.

Es gibt aber auch Skeptiker, die die britischen Policen äußerst kritisch sehen. „Die Verträge sind sehr unflexibel“, sagt der Versicherungsmathematiker Axel Kleinlein. Egal ob der Kunde Beiträge anpassen oder einen Fonds wechseln will, für alles muss er zahlen. Deshalb glaubt Kleinlein auch nicht, dass nur die Finanzkrise schuld daran ist, dass die Renditeversprechen nicht eingehalten wurden. „Die wahren Renditekiller sind die hohen Abschluss- und Verwaltungskosten“, sagt er.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit