Letzter Tanz

Es war der große Coup: Mit der Loveparade wollte Veranstalter Rainer Schallerseiner Fitnesskette McFit international zum Durchbruch verhelfen. Doch dieTragödie von Duisburg zerstört diesen Traum – und vielleicht sogar seineKarriere

Von Jens Brambusch, Hamburg

Einfach Gas geben. Das wäre es jetzt. Sich aus der Schusslinie bringen, die Verfolger abschütteln. So wie im vergangenen Jahr, als die Gefahr plötzlich im Rückspiegel seines VW-Busses auftauchte. Ein Jeep, voll besetzt mit Männern, Turban auf dem Kopf, Maschinengewehre in der Hand, vermutlich Taliban. Rainer Schaller trat das Gaspedal durch, zirkelte den Bulli über die einspurige Straße im pakistanisch-iranischen Grenzgebiet, mitten in der Wüste. „Es war klar, die wollten uns stoppen und sicher nicht zum Tee einladen“, sagt Schallers damaliger Begleiter auf der Reise quer durch Asien. Doch aufgeben? Nicht mit Schaller.

Er blieb cool, auch in der Gefahr. Der Gründer der Fitnesskette McFit, der in wenigen Jahren einen ganzen Markt umkrempelte und zum Multimillionär aufstieg, rettete sich und seinen Kumpel aus der fränkischen Heimat zum nächsten Militärcheckpoint. Die Verfolger drehten ab. Schaller kann nichts aufhalten, nicht einmal die Taliban. So kennen ihn Freunde und Geschäftspartner. Schaller, der Malocher, der Selfmademan, der aus dem Nichts kam, dem alles glückte, was er anpackte, sogar die Wiederbelebung der totgesagten Loveparade.

Am Sonntagmittag ist er nicht wiederzuerkennen. Fast regungslos sitzt der 41-Jährige mit der Glatze und dem markanten Bart da. Schwarzes Hemd, der oberste Knopf offen, wie immer durchtrainiert, doch sein braun gebranntes Gesicht wirkt fahl. Seine großen Ohrringe hat er abgenommen, seine Augen sind müde, die Stimme ist belegt, das Zahnpasta-Lächeln eingefroren. Dutzende Kameras sind auf ihn gerichtet, den Veranstalter der Loveparade in Duisburg, bei der es am Tag zuvor zur Tragödie kam.

Es geht um die Frage, wer schuld ist an dem Desaster. Warum mussten 19 Menschen sterben? Wer hat versagt? Die Stadt Duisburg, weil sie die Loveparade genehmigte? Die Sicherheitsbehörden? Oder der Veranstalter, weil er die Stadt gedrängt haben soll, ein mangelhaftes Sicherheitskonzept abzusegnen? Eine Antwort auf diese Frage wird Wochen auf sich warten lassen, vielleicht wird sie endgültig erst nach Jahren vor Gericht geklärt.

Rainer Schaller steht plötzlich im Fokus der Öffentlichkeit. Davon hatte er immer geträumt, nur nicht so, nicht um diesen Preis. Als er 2006 die Organisation der Loveparade übernahm, wollte er vor allem eines: sie benutzen, um seine Fitnesskette McFit bekannt zu machen, um neue Märkte zu erobern. Es war ein genialer Coup, auf den er stolz war. Nun droht er zum Bumerang zu werden – und den Unternehmer Schaller und seine Fitnesskette zu beschädigen. Mögliche finanzielle Folgen sind noch nicht abzusehen, der Imageschaden erst recht nicht. Das Drama um die Loveparade könnte sogar das Ende seiner viel beachteten Karriere einläuten.

Bereits vor der Technoparty hatte es Warnungen vor einer Katastrophe gegeben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen wegen fahrlässiger Tötung in 19 Fällen. Schaller, die Stadt Duisburg und die Polizei sehen sich harten Vorwürfen ausgesetzt.

Tote und Verletzte seien Opfer „materieller Interessen eines Veranstalters“, der Druck ausgeübt habe, wetterte der Vize-Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Wolfgang Orscheschek. Marek Lieberberg, Deutschlands führender Konzertveranstalter, sprach von „Geltungssucht der Lokalpolitik“ und „Profitsucht der Veranstalter“. „Das ist kein tragisches Unglück, sondern ein Verbrechen“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. Und der Vater der Loveparade, Matthias Roeingh alias Dr. Motte, der Schaller einst als „Marketing-Heuschrecke“ beschimpfte, forderte gestern, „dass die Personen, die dafür verantwortlich sind, gerichtlich zur Rechenschaft gezogen werden“.

Dazu kommen Anschuldigungen über ein mangelndes Sicherheitskonzept rund um die Veranstaltung. So belegt ein internes Verwaltungsdokument aus Duisburg laut Spiegel Online, dass der Veranstalter von der Einhaltung der vorgeschriebenen Breite der Fluchtwege befreit worden sei. Zugleich sei das Gelände nur für 250 000 Menschen zugelassen gewesen. Noch kurz vor der Tragödie hatten Stadt und Veranstalter die Gesamtzahl der Teilnehmer jedoch selbst auf rund 1,4 Millionen geschätzt.

Schaller hat zu diesen Punkten anfangs geschwiegen. Am Sonntag bügelte sein Sprecher noch alle Fragen nieder. Erst gestern Abend äußerte sich Schaller zu den Vorwürfen. Er widersprach vehement, dass aus Profitgier Sicherheitsbedenken hintangestellt worden seien. „Wir haben nie Druck auf eine Herabsetzung der Sicherheit ausgeübt. Nach derzeitigem Stand haben wir sämtliche Auflagen erfüllt. Das gesamte Konzept war in jedem Punkt in wöchentlichen Sitzungen mit Polizei, Feuerwehr und Stadt abgestimmt“, sagte er. „Wir haben niemals an der Loveparade Geld verdient – das war auch nicht unser Ziel.“ Und weiter: „Als Veranstalter haben wir eine große Verantwortung, und es tut mir unglaublich leid. Ich bin erschüttert und fassungslos.“

Es sieht nicht gut aus für Schaller, der auf dem Weg nach oben war. Begonnen hat er seine Karriere in einem Edeka-Laden. Noch bis Mitte der 90er-Jahre leitete er vier Filialen rund um seinen Heimatort Schlüsselfeld. Abends kletterte er auf den Dachboden seiner Eltern und stemmte Gewichte. Nach einer Weile kamen auch Freunde und Kollegen, um „beim Rainer“ Gewichte zu stemmen. Wenn die Männer die Hanteln fallen ließen, klirrten im Wohnzimmer der Eltern die Kristallgläser.

Schaller verkaufte zwei seiner Edeka-Läden, ersteigerte eine Möbelhalle in Würzburg, besorgte ein paar schäbige Fitnessgeräte aus Tschechien und eröffnete 1997 sein erstes Fitnessstudio. Anfangs belächelte ihn die Konkurrenz, doch Schallers Konzept ging auf: 24-Stunden-Fitness zum Discountpreis von 16,90 Euro im Monat – und sonst nichts. Keine Bar, keine Sauna, kein Wellness-Schnickschnack. Alles, was Personal oder Energie kostet, spart Schaller und kann deshalb Kampfpreise bieten. Er macht alles für den Erfolg, ist Empfangschef, Trainer, Putzfrau und Buchhalter in einem, schläft in einem winzigen Büro in einem Etagenbett. Inzwischen betreibt McFit knapp 130 Studios. 2009 lag der Umsatz bei 135 Mio. Euro, zum Gewinn schweigt Schaller, 2008 betrug er 10,3 Mio. Euro.

Das Ziel ist klar: Schaller will die Nummer eins werden – in Europa. Dazu muss er McFit bekannt machen. Doch Werbung ist teuer. Sie hätten lange überlegt, was sie Verrücktes machen könnten, hat er mal erzählt. Dann kam die Idee mit der Loveparade: Die größte Party der Welt als gigantische Marketingmaschine. „Das war ein Himmelfahrtskommando.“ Und ein genialer Plan.

Als der damalige Veranstalter die Loveparade im Februar 2006 ausschrieb, erhielten Schaller und die Metropolregion Ruhr unter 60 Mitbewerbern den Zuschlag. Der Unternehmer erwarb über die Lopavent GmbH, eine 100-prozentige Tochter seiner Fitnessholding, die Markenrechte und übernahm die Organisation, Geschäftsführer der Firma: er selbst. Zwischen 2007 und 2011 sollte die Loveparade in fünf wechselnden Städten im Ruhrgebiet stattfinden, McFit war offiziell „Hauptsponsor“.

Das Konzept schien aufzugehen. 2007 kamen 1,2 Millionen Menschen nach Essen, 2008 1,6 Millionen nach Dortmund. Schaller konnte immer mehr ausländische Lautsprecherwagen auf die Parade locken, 2008 berichteten Fernsehsender in 53 Ländern über die Parade, ein Livestream bei Myspace zählte 4,2 Millionen Zugriffe, Onlinezuschauer konnten aus zehn Kameraperspektiven wählen – und immer war das Logo von McFit im Bild.

So sollte es in diesem Jahr weitergehen. Noch am Freitag lief in den McFit-Studios die Aufforderung über die Bildschirme an den Trainingsgeräten, nach Duisburg zu kommen, um den Besucherrekord zu brechen, am Samstag posierte Schaller mit Wladimir Klitschko, der Ikone seiner TV-Werbespots, auf dem Veranstaltungsgelände. Die Loveparade sollte die Marke weiter promoten – und so die ehrgeizigen Expansionspläne Schallers befeuern.

Eine Million Mitglieder will McFit in diesem Jahr im rund 33 Mrd. Euro schweren europäischen Markt erreichen – die Marktführerschaft. In Österreich läuft die Expansion bereits. Im Mai hat Schaller bei Madrid das erste Studio auf dem spanischen Festland eingeweiht. Regelmäßig bekommt er Besuch von Finanzinvestoren, doch Verkaufen wollte er nie.

Nun könnte die enge Verzahnung mit der Loveparade zum Problem für den Unternehmer werden. Zwar war seine Veranstaltungsfirma Lopavent über eine Veranstalterhaftpflichtversicherung bis zu einer Höhe von 7,5 Mio. Euro versichert, wie ein Axa-Sprecher bestätigte. Doch sollte Lopavent wirklich zahlen müssen, dürfte diese Summe nicht reichen, heißt es in der Branche. Die Gesellschaft würde wohl pleitegehen, McFit als Mutter jedoch nicht haften müssen. Im schlimmsten Fall, wenn Schaller ein persönliches Verschulden nachgewiesen würde, müsste er privat einspringen.

Das Abenteuer Loveparade ist auf jeden Fall für Schaller beendet. Sie sei „als eine friedliche Veranstaltung und fröhliche Party“ bekannt gewesen, las er am Sonntag von seinem Zettel. „Von den gestrigen tragischen Unglücksfällen ist sie nun für immer überschattet. Aus Respekt vor den Opfern, deren Familien und Freunden wird die Veranstaltung nicht weiter fortgesetzt.“Mitarbeit: Hanna Grabbe, Anja Krüger

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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