Gipskarton und faule Eier

Absurd hohe Schadensersatzansprüche kosten Versicherer in den USA Milliarden

Von Friederike Krieger, Köln

Fast-Food-Liebhaber, die fordern, dass auf Hot-Dog-Verpackungen der Warnhinweis „heiß“ prangt; Zoobesucher, die vor Gericht ziehen, weil Delfine sie nass gespritzt haben – die USA sind das Land der unbegrenzten Klagemöglichkeiten. Die Schadensersatzansprüche, die Jurys Beschwerdeführern zusprechen, gehen in die Millionen. Auch wenn sie in höheren Instanzen meist zurechtgestutzt werden: Die durchschnittlichen Entschädigungssummen steigen stetig an. Die sogenannte soziale Inflation hat die allgemeine Inflation längst überholt. Während sich die Güterpreise in den USA von 1998 bis 2008 jährlich im Schnitt um 2,8 Prozent verteuert haben, stieg die durchschnittliche Summe, die Gerichte Klägern zusprachen, um rund 5,7 Prozent.

Das kann die Bilanzen der Versicherer empfindlich treffen. „Wenn die soziale Inflation zunimmt, steigen die Kosten für die Beilegung noch offener Schadensersatzansprüche“, sagt Robert Hartwig, Chef des branchennahen Insurance Information Institute. Zwar hat die soziale Inflation in den vergangenen Jahren wieder etwas nachgegeben. Die durchschnittliche Summe, die Jurys Klägern zusprachen, stagnierte von 2004 bis 2008 bei rund 1 Mio. Dollar.

Doch 2009 stiegen die Aufwendungen für Schadensersatzansprüche nach Einschätzung der Unternehmensberatung Towers Watson wieder um drei Prozent an. Durch die Finanzkrise haben Klagen aufgrund von Kündigungen und Prozessen um Verluste aus Kapitalanlagen zugenommen.

Towers Watson erwartet einen weiteren Anstieg der sozialen Inflation um vier Prozent 2010 und sechs Prozent 2011. Zum einen, weil die Experten einen Anstieg der allgemeinen Inflation fürchten. Zum anderen hat US-Präsident Barack Obama viele tendenziell verbraucherfreundliche Richter ernannt. Das könnte Entschädigungssummen, vor allem bei medizinischer Fehlbehandlung, erhöhen.

Gefahren lauern zum Beispiel in Gipskartonplatten, die in China hergestellt wurden. Ein Lieferant: Knauf Plasterboard Tianjin, die chinesische Tochter der deutschen Firma Knauf. Nach Einbau der Platten in Florida und Louisiana häuften sich die Beschwerden von Hausbesitzern, weil die Wände nach faulen Eiern riechen und dafür sorgen, dass Elektrogeräte verrosten. „Die Versicherer fürchten, dass das Problem zu großen Sammelklagen führt, in denen Tausende Betroffener Haftpflichtansprüche in Milliardenhöhe geltend machen“, sagt Hartwig.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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