Wenn der Inflationshammer kommt

Steigen Preise und Zinsen rasch und deutlich, drohen den VersicherernMilliardenkosten – hinzu kommen neue EU-Regeln

VON Herbert Fromme

und Friederike Krieger

Denis Kessler ist sich sicher: Wenn die Finanzkrise vorbei ist, kommt die Inflation. „Das sind zwei Seiten derselben Medaille“, argumentiert der Chef des französischen Rückversicherers Scor, der globalen Nummer fünf der Branche. Er investiert daher lieber in kurz- und mittelfristige Wertpapiere, um bei deutlichen Zinserhöhungen nicht auf lang laufenden Papieren mit Niedrigzinsen sitzen zu bleiben. Thorsten Polleit, Chefvolkswirt von Barclays Capital für Deutschland, stimmt Kessler zu. „Ich glaube, dass es zu einer Geldentwertung kommt.“

Unumstritten ist die Auffassung freilich nicht – zu unklar ist, wohin sich die Weltwirtschaft entwickelt. Und auch ein deflationäres Umfeld lässt die Branche derzeit zittern.

„Im Moment gibt es keine Indizien, die auf eine höhere Inflation hinweisen“, sagt Maximilian Zimmerer, Chef der Allianz Lebensversicherung. „Ich sehe keinen Trend zu sehr hohen Lohnabschlüssen oder steigenden Rohstoffpreisen und kann nicht erkennen, dass wir bald eine starke Preisentwicklung an den Gütermärkten erleben.“

Deflation, Inflation? Die Frage ist von höchster Brisanz für die Versicherer. So glaubt die Gothaer an einen Inflationsschub – entsprechend kurzfristig legt Finanzchef Jürgen Meisch die Teile des Portfolios von 23 Mrd. Euro an, die neu investiert werden müssen. Sein Kollege Ulrich Leitermann vom Konkurrenten Signal Iduna setzt dagegen auf lang laufende Papiere bis zu 20 Jahren. „Damit erzielen wir auch bei Neuanlagen eine Verzinsung von 4,5 Prozent.“ Er hält das Risiko einer baldigen Inflation für gering.

Nur einer von ihnen kann recht behalten – wer falschliegt, wird dafür teuer bezahlen müssen.

Einig ist sich die Branche, dass Niedrigzinsen aktuell das größere Übel sind – vor allem für die Lebensversicherer mit ihren lang laufenden Zinsgarantien. Höhere Zinsen sind langfristig besser für die Branche. Kommt der Anstieg aber rasch, ist das den Lebensversicherern auch nicht recht. Sie müssen dann viele Staats- oder Unternehmensanleihen abschreiben, die sie kürzlich gekauft haben, und einen niedrigen Zins tragen.

Das belastet jedenfalls kurzfristig sehr deutlich das Ergebnis der Unternehmen. Dazu kommt: Kunden könnten aus Verträgen mit niedrigen Garantieverzinsungen abwandern und sich andere Anlageformen mit höheren Zinsen suchen.

Am meisten leiden würde unter einem Inflationsschub aber die Schaden- und Unfallversicherung. Sie versichert Autos, Gebäude, Unfall- und Haftpflichtrisiken. Ein bekanntes Phänomen beobachten Versicherer nach jedem Hurrikan: Plötzlich steigen die Preise für Baumaterial und Handwerkerdienstleistungen drastisch an – meistens zulasten der Versicherer.

Aber hier sind die Schäden fast immer in wenigen Monaten abgewickelt. Das Hauptproblem mit der Inflation haben die Unternehmen in der Autoversicherung und anderen Haftpflichtdeckungen. Denn Versicherer und Rückversicherer müssen oft jahrzehntelang für bestimmte Schäden aufkommen. Das gilt für Unfallopfer, die nach einem Autounfall im Rollstuhl sitzen und Pflege brauchen, Kinder, die wegen eines Behandlungsfehlers des Arztes oder der Hebamme behindert zur Welt kommen, oder Geschädigte durch Chemieunfälle oder fehlerhafte Produkte von Pharmaherstellern und anderen Branchen.

In solchen Fällen stellt der Versicherer eine Schadenreserve zurück. Kommt es aber während der jahrzehntelangen Abwicklung zu deutlichen Preiserhöhungen, reicht diese Rückstellung nicht aus, er muss nachreservieren – wie bei den Asbestschäden, für die inzwischen deutlich mehr als 200 Mrd. Dollar ausgezahlt und reserviert wurden.

Die Branche unterscheidet verschiedene Formen der Inflation – die allgemeinen Preis- und Lohnsteigerungen, daneben die soziale und die medizinische Inflation. Die soziale Inflation entsteht, weil Gerichte höhere Schadensersatzansprüche bestätigen. Die medizinische Inflation ist durch teurere Behandlungsmethoden bedingt.

Die Kapitalanlagen der Versicherer, mit denen sie ihre Verpflichtungen aus lang laufenden Schäden bedecken, halten fast nie Schritt mit den verschiedenen Formen der Inflation. Scor-Chef Kessler befürchtet, dass die neuen Eigenkapitalregeln der EU, die als Solvency II 2013 in Kraft treten sollen, den Negativtrend noch verschärfen.

EU und Versicherungsaufseher hätten hohe Kapitalanforderungen für Anlagen der Versicherer in die eher inflationssicheren Aktien vorgesehen, aber keine für Anlagen in festverzinslichen Bundesanleihen, moniert Kessler. „Wenn dann die Inflation kommt, werden die Aufseher fragen, warum wir uns nicht auf einen starken Anstieg der Zinsen vorbereitet haben. Die aktuelle Version von Solvency II ist der beste Weg, die Versicherungsbranche in eine Katastrophe zu stürzen.“

www.ftd.de/risiko

Alle Folgen im Überblick

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit