Euler Hermes lehnt Ratingaufgabe ab

Kreditversicherer bleibt beim Kerngeschäft · Angst vor 2011 · VorstandschefVerstraete im FTD-Interview

Von Herbert Fromme, Paris

Der Kreditversicherer Euler Hermes will anders als sein Konkurrent Coface keine Bonitätsbewertungen für Firmen anbieten. Damit erteilte das Unternehmen Politikern und Zentralbankern eine Absage, die von der Branche den Aufbau einer europäischen Ratingagentur als Alternative zum angelsächsischen Oligopol aus Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch fordern. „Wir haben keinerlei Pläne, als Ratingagentur zu agieren“, sagte Unternehmenschef Wilfried Verstraete im FTD-Interview. Die börsennotierte Gesellschaft gehört zu 68 Prozent der Allianz. Mit 36 Prozent der globalen Prämien ist Euler Hermes Weltmarktführer vor Atradius und Coface.

Nach den Erfahrungen in der Finanzkrise und der harschen Kritik an den führenden Ratingagenturen hatte unter anderem Jean-Claude Trichet, der Präsident der Europäischen Zentralbank, den Aufbau eines europäischen Bonitätsprüfers verlangt und dafür die Kreditversicherer ins Gespräch gebracht. Sie versichern Firmen gegen Verluste aus Pleiten anderer Firmen und sammeln Daten von Millionen Unternehmen.

Coface will bereits Ende 2010 als Ratingagentur starten. Der Rivale Euler Hermes – beide haben ihren Sitz in Frankreich – lehnt das ab, obwohl er mit der kleinen Tochter Euler Hermes Rating sogar schon eine Lizenz für dieses Geschäft hat.

„Wir haben die Kompetenz, nicht bei Wertpapieren, aber bei der Bewertung von Unternehmen“, sagte Verstraete. Die Kreditbeurteilung sei aber genau der Kern des eigenen Geschäfts. „Das ist unser Produktionsgeheimnis, und das wollen wir nicht herausgeben.“ Wenn Euler Hermes als Kreditversicherer eine Deckung reduziere, das Rating aber nicht anpasse und die betroffene Firma dann insolvent werde, müsse der Versicherer mit hohen Haftungsansprüchen rechnen. „Es geht uns nicht ums Prinzip, wir sehen nicht, wie das praktisch funktionieren kann“, sagte Verstraete.

Das Unternehmen will sich lieber auf seine Kernaufgabe konzentrieren. „Wir hatten zwei schwierige Jahre 2008 und 2009“, sagte er. Im vergangenen Jahr wies Euler Hermes nur einen Minigewinn von 19 Mio. Euro aus, bei einem leicht gesunkenen Gesamtumsatz von 2,1 Mrd. Euro. Im ersten Halbjahr 2010 verdiente das Unternehmen 147 Mio. Euro. „Unser Portfolio ist ganz anders als vor der Krise.“

Doch Verstraete und seine Analysten machen sich Sorgen um das Jahr 2011. „Wir erwarten wieder mehr Schäden“, sagte er – das heißt, mehr Insolvenzen. „Die Regierungen müssen die Staatsverschuldung reduzieren.“ Das gehe mit Wachstum, durch Steuererhöhungen und die Reduzierung sozialer Transferleistungen. „Wir sind überzeugt, dass die beiden letzteren Maßnahmen ergriffen werden, also höhere Steuern und Abgaben sowie Reduzierung der Sozialtransfers“, sagte Verstraete. Das wirke sich unmittelbar auf die Ausgabenbereitschaft der Konsumenten aus. „Als Erstes werden Wirtschaftszweige wie Textil, Möbel oder Kleinelektro davon getroffen, also alle Konsumgüter, deren Anschaffung man in der Zeit verschieben kann.“ Auch die Automobilbranche und ihre Zulieferer würden die Einschnitte spüren.

Als Teil der Wachstumsstrategie unternimmt Verstraete einen erneuten Anlauf, die Kreditversicherung in den USA zu etablieren. Dort spielt sie bislang kaum eine Rolle, Unternehmen sichern sich mit Bankbürgschaften gegen die mögliche Zahlungsunfähigkeit eines Geschäftspartners ab.

„Wir starten dort ein Pilotprojekt“, kündigte Verstraete an. Mit zwölf Spezialisten will er nur in Kalifornien antreten und sich dort auf die Branchen Lebensmittel, Chemie und Elektronik konzentrieren. „Dafür nehmen wir uns drei Jahre Zeit“, sagte er. Funktioniere das in Kalifornien, könne man in andere US-Staaten expandieren. Ähnlich geht er in China vor. „Da arbeiten wir in ein oder zwei Provinzen und sehen dann weiter.“

Verstraete wehrt sich gegen Kritik, die Kreditversicherer hätten 2008 und 2009 durch pauschale Deckungsabsenkungen die Krise verschärft. „Wir haben nie branchenweite Absenkungen vorgenommen“, sagte er. Aber die Krise habe auch bei Euler Hermes Defizite aufgezeigt. „Wir haben Verbesserungsbedarf in unserer Flexibilität, denn die wirtschaftlichen Zyklen werden in Zukunft kürzer werden“, sagte er. „Nicht geklappt hat die Zusammenarbeit zwischen unseren Risikoanalysten und unseren Vertriebsleuten“, sagte er selbstkritisch. „Wir hatten nicht die richtigen Strukturen, um da eine reibungslose Kommunikation zu ermöglichen.“ Das werde jetzt geändert. Anfang 2010 wurde bereits die Organisation umgebaut. Verstraete hat sechs Regionen mit Gewinnverantwortung eingeführt.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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