Lebensversicherer verlieren an Boden

Deutlich weniger laufende Beiträge im Kerngeschäft · Bestände schmelzen · NurEinmalzahlungen boomen noch

Von Anja Krüger

und Herbert Fromme, Köln

Die deutschen Lebensversicherer leiden unter einem massiven Einbruch in ihrem Kerngeschäft, dem Absatz von Policen gegen laufende Beiträge. Auch das gestiegene Volumen von Verträgen gegen hohe Einmalzahlungen verhindert das Abschmelzen der Bestände nicht, schreibt der Branchendienst Map-Report.

Die jüngsten Zahlen nähren die Sorge, dass die Branche auf heftige Turbulenzen zusteuert. Mehrere Gesellschaften zeichnen kein Neugeschäft mehr. Das prominenteste Beispiel ist die Munich-Re-Tochter Victoria Leben, eine Traditionsgesellschaft mit 2,3 Millionen Kunden. Munich-Re-Chef Nikolaus von Bomhard bezeichnete vor kurzem die deutsche Lebensversicherung als „ökonomisch nicht sehr ertragreich“.

Über Jahrzehnte war die Lebensversicherung der Beststeller, denn Kunden mussten auf Erträge bei der Auszahlung keine Steuern zahlen. Seit 2005 das Steuerprivileg weggefallen ist, leiden die Bestände an Auszehrung. In der Breite setzen Anbieter weniger Verträge ab als auslaufen oder gekündigt werden. Weil weniger Beiträge hereinkommen und mehr Auszahlungen geleistet werden, müssen die Versicherer kurzfristiger anlegen – und damit auf Ertragschancen verzichten. Die Situation erschwert auch, dass die Renditen für sichere Anlageformen wie Staatsanleihen und Pfandbriefe, die den Schwerpunkt der Kapitalanlagen bilden, derzeit in der Nähe ihrer Rekordtiefs liegen. Das macht es für Versicherer schwieriger, die zugesagten Garantieverzinsungen auf die Sparanteile zu erwirtschaften.

Das Neugeschäft gemessen in Prämieneinnahmen spiegelt den jüngsten Negativtrend noch nicht wider: Weil Zinsangebote der Banken niedrig sind, haben Kunden lukrative Angebote der Lebensversicherer wahrgenommen und ihr Geld dort geparkt. Doch die Gesellschaften wissen genau, dass ein Großteil dieser Bestände sehr flüchtig ist und bei einer Änderung der Zinsen schnell wieder verschwindet.

„Die Dramatik der Lage zeigt sich vor allem im Jahresendbestand an Verträgen mit laufendem Beitrag“, so der Map-Report. Von 86 untersuchten Unternehmen wiesen nur 20 ein Wachstum des Bestandes auf. An erster Stelle lag die Debeka, gefolgt von Volkswohl Bund und Alte Leipziger. Dagegen mussten 66 Anbieter Bestandsverluste hinnehmen. Bei acht von ihnen sanken die Beiträge jeweils um mehr als 100 Mio. Euro.

Die rote Laterne hält Marktführer Allianz, dessen laufenden Beiträge von 8,8 Mrd. Euro 2008 auf 8,5 Mrd. Euro 2009 sanken. „Branchenweit sind die Werte um 3,7 Prozent oder 2,3 Mrd. Euro zurückgegangen“, stellt Map-Report-Herausgeber Manfred Poweleit fest. Reiner Will, Geschäftsführer der Kölner Ratingagentur Assekurata, glaubt indes, dass es zu früh ist, um bei den traditionellen Policen von einem Auslaufmodell zu sprechen. Nur wenn sich die Entwicklung zu sinkenden Beständen mit laufendem Beitrag verstetige, wäre das für die Firmen problematisch. „Verträge gegen laufenden Beitrag geben den Lebensversicherern die erforderliche Planungssicherheit“, sagte er.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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