Scor erfindet neuartigen Bilanzschutz

Schweizer Rückversicherer garantiert Kapital bei Großschäden · Branche leidetweiter unter Niedrigpreisen

VON Herbert Fromme, Monte Carlo

Der Schweizer Rückversicherer Scor schützt sich mit einem neuartigen Instrument gegen eine mögliche Kapitalknappheit nach einem Großschaden. Muss die globale Nummer sechs der Branche Hunderte Millionen wegen Erdbeben oder Stürmen zahlen, sorgt die Schweizer Bank UBS sofort für eine Kapitalerhöhung bis zu 150 Mio. Euro.

Dabei handelt es sich nicht um eine klassische Retro-Rückversicherung, wie sie unter den Großhändlern des Risikoschutzes üblich ist, und auch nicht um die Verbriefung von Risiken am Kapitalmarkt. „Wir haben etwas ganz Neues gefunden, ein weiteres Schutzinstrument“, sagte Scor-Chef Denis Kessler der FTD. Die Maßnahme könne auch für andere Branchen interessant sein, etwa Industrieunternehmen, die von Rohstoffmärkten und Preisen abhängig sind.

Wird ein Rückversicherer von einem Katastrophenschaden getroffen, kann er diesen in der Regel aus seinen Schadenreserven und anderen Finanzmitteln zahlen. Dazu kommen Rückdeckungen, die er bei anderen Gesellschaften hat.

Allerdings reduziert ein hoher Schaden die Eigenmittel der Gesellschaft. Das kann negative Auswirkungen sowohl auf die Ratings als auch auf das Kundenvertrauen haben. Gegen dieses Risiko hat sich Scor nun gewappnet. Der Vorteil für die Bank wiederum ist: Sie erhält eine Gebühr für das Geschäft, muss aber kein eigenes Kapital dafür einsetzen.

Die UBS hat sich verpflichtet, die Kapitalerhöhung auf jeden Fall zu zeichnen, wenn Scor Großschäden durch Katastrophen über einer bestimmten, genau definierten Höhe pro Jahr erleidet. Gezählt werden Erdbeben, Hurrikans, Tsunamis, Hagel- und Schneestürme, Meteoriteneinschläge, Erdrutsche sowie ähnliche Katastrophen.

Scor und UBS organisierten die Transaktion in zwei Tranchen zu jeweils 75 Mio. Euro in Form einer für beide Seiten verpflichtenden Aktienoption. Als Preis vereinbarten sie 90 Prozent des Durchschnittswerts der Aktie an den drei Tagen vor Ausübung der Kapitalerhöhungsoption durch Scor. „Wenn es zu einem großen Katastrophenereignis kommt, geht unser Kurs natürlich nach unten“, sagte Kessler. „Deshalb haben wir den Preis vor dem Ereignis für die Kapitalerhöhung vereinbart, als der Kurs noch nicht von dem Ereignis beeinflusst war.“

Mit dem Schritt versucht Scor, sich gegen die heftiger werdenden Ausschläge bei Ergebnissen und Kapitalbasis der Branche zu schützen. Eigentlich haben die meisten Rückversicherer zu viel Kapital – wenn es aber zu einem Großschaden kommt, fehlt es bei einzelnen Gesellschaften sehr plötzlich.

Laut Bryon Ehrhart vom Makler Aon Benfield verfügen die Rückversicherer heute weltweit über 442 Mrd. Dollar Eigenkapital. „Wir erwarten für 2010 eine durchschnittliche Eigenkapitalrendite für die ganze Branche von rund 11,3 Prozent, das ist eindeutig unzureichend“, sagte Ehrhart, der für die Abteilungen Marktanalyse und Investmentbanking zuständig ist. Die meisten Gesellschaften strebten wegen der hohen Volatilität 15 Prozent an. „Um das zu erreichen, müssten 100 Mrd. Dollar Eigenkapital aus dem Markt verschwinden“, sagte Ehrhart. Das sei aber angesichts mangelnder Alternativen im gegenwärtigen Niedrigzinsumfeld unwahrscheinlich.

Die zu hohe Ausstattung mit Kapital ist nach Ansicht von Analysten und Maklern auch der Grund, warum die Rückversicherer trotz der hohen Belastungen durch Naturkatastrophen im ersten Halbjahr keine höheren Preise durchsetzen können. Nur in den direkt betroffenen Regionen, vor allem Chile und Neuseeland, sowie in der Energiebranche gibt es Anhebungen. „Wir haben zu viel Kapazität, die Nachfrage ist schwach, und die Gewinne der Rückversicherer sind unter Druck“, sagte James Eck, Analyst bei der Ratingagentur Moody’s.

Die Rückversicherer Munich Re, Swiss Re und Hannover Re gestehen ein, dass die Preise weiter nachgeben. Aber sie verweisen auf Rekordgewinne im Jahr 2009. „Das lag an niedrigen Katastrophenschäden und der Freigabe von Schadenreserven aus früheren Jahren“, antworten Analysten wie Rob Jones von Standard & Poor’s.

Jetzt setzt die ganze Branche auf Solvency II, das neue Eigenkapitalstatut der EU. Das Kalkül der Rückversicherer: Ihre Kunden, die Erstversicherer, benötigen künftig mehr Kapital – oder sie müssen Rückversicherungsschutz einkaufen, der wie Eigenkapital wirkt.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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