Allianz glaubt nicht an Rückversicherungsboom

Konzern bündelt alle Katastrophenrisiken selbst // Interview mit Spartenchefs Clemens von Weichs und Amer Ahmed

Herbert Fromme , München

Allianz-Re-Chef Clemens von Weichs warnt die Rückversicherer vor zu hohen Erwartungen an die neuen EU-Eigenkapitalvorschriften Solvency II, die ab 2013 gelten und der Branche nach eigenen Erwartungen Geschäft bringen sollen. „Ich bin skeptisch, ob diese Vorhersagen wirklich Realität werden“, sagte von Weichs der FTD. Die Allianz Re ist der Rückversicherer des Allianz-Konzerns.

Die EU will mit Solvency II die Anforderungen an das Eigenkapital der Versicherer vereinheitlichen und krisenfester machen. Ihr Kapitalbedarf richtet sich dann nach den übernommenen Risiken: Übernehmen sie Pharma-Haftpflichtdeckungen, wird dafür mehr Kapital benötigt als für Hausratpolicen, kaufen sie Aktien, ist eine höhere Unterlegung als bei Staatsanleihen erforderlich.

Die großen Rückversicherer erwarten, dass ihnen dies Geschäft zuführt – allen voran Munich Re und Swiss Re. Ihre Kunden sind Erstversicherer wie Barmenia oder Zurich, die Endkunden absichern. Ihr Kalkül: Die Erstversicherer brauchen mehr Kapital, können es sich aber nicht leicht beschaffen. Da Rückversicherung als Eigenkapitalersatz gilt, gewinnen die Anbieter.

„Bevor die Gesellschaften Rückversicherungslösungen aufgreifen, werden sie versuchen, mit anderen Mitteln zurechtzukommen“, sagte von Weichs. „Dazu gehören Umschichtungen in ihren Portfolios und im Versicherungsbestand.“ Außerdem gab er zu bedenken, dass Solvency II auch für Rückversicherer gelte. „Wenn ein Erstversicherer seine Kapitalknappheit an einen Rückversicherer weitergibt, braucht der natürlich das dafür benötigte Kapital“, sagte er.

Seit Jahren verlieren die großen Rückversicherer Anteile am großen Versicherungskuchen. Die Allianz Re ist das beste Beispiel dafür, wie ein großer Konzern durch internen Risikoausgleich den Bedarf für externe Rückdeckung deutlich reduziert.

Allianz Re ist Teil der Allianz SE, das Geschäft geht direkt in die Bilanz der Obergesellschaft von Europas größtem Versicherungskonzern. Intern wird die Abteilung aber wie eine eigene Firma geführt, mit eigener Gewinnverantwortung der Führung. Allianz Re hat 300 Mitarbeiter weltweit, neben von Weichs spielt Amer Ahmed als Präsident im Tagesgeschäft eine wichtige Rolle.

Allianz Re verzeichnete 2009 Prämieneinnahmen von 4,1 Mrd. Euro. Darin enthalten ist ein Risikoaustausch mit der Munich Re über 360 Mio. Euro, der ab 2011 wegfällt. Rund 3,1 Mrd. Euro kommen von Allianz-Konzerngesellschaften, weitere 600 Mio. Euro von externen Kunden. Die Allianz Re verdiente im vergangenen Jahr 393 Mio. Euro. 2008 waren es 507 Mio. Euro gewesen, bei Prämieneinnahmen von 3,8 Mrd. Euro.

„Jede Allianz-Tochter in der Welt ist zunächst einmal selbst verantwortlich für ihr Kapitalmanagement“, sagte Ahmed. Das gelte auch für die Rückversicherung, die sie einkauft. „Alle Gesellschaften kaufen grundsätzlich die Abdeckungen gegen Katastrophenrisiken bei uns, weil wir glauben, dass eine solche Zusammenfassung dieser Großrisiken Sinn ergibt.“ Daneben entscheiden die Gesellschaften selbst, ob sie bei der Schwester Allianz Re oder extern Rückdeckungen einkaufen.

„Wir sind auch die Ersten, die mit unseren lokalen Gesellschaften über die richtige Rückversicherungsstruktur sprechen“, fügte von Weichs hinzu. Ein „delikates Problem“ sei die Frage, wie der Preis für die interne Rückversicherung festgesetzt wird – schließlich spielt er für die Ergebnisse der jeweiligen Töchter eine wichtige Rolle. „Wir verwenden externe Messgrößen aus dem Markt und vergleichen uns mit anderen Rückversicherern.“ Gelegentlich setzt das Unternehmen auch Makler bei der Preisfindung ein.

Das Geschäft der Allianz Re mit externen Kunden gab dem Konzern in Asien schnellen Zugang zu verschiedenen Märkten. „Das war Teil der Gruppenstrategie“, sagte Ahmed. „Wir machen das jetzt seit mehr als zehn Jahren erfolgreich, haben eine loyale Kundenbasis und verdienen gutes Geld damit.“

In Europa habe Allianz Re eine ganz andere Marktstellung. Hier ist sie deutlich kleiner als die globalen Platzhirsche. „Wir bieten Speziallösungen an, die andere so nicht im Programm haben“, sagte Ahmed. Das geschieht oft in enger Abstimmung mit der Allianz-Tochter für alternativen Risikotransfer in Zürich. Versicherungsverbriefungen und sogenannte strukturierte Rückversicherung gehören zu den Angeboten.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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