Angeschlagen

Deutschlands Versicherer haben die Krise besser überstanden als die meisten Banken. Aber die Spätfolgen des Crashs treffen die Assekuranz umso heftiger.Hinzu kommen neue Regeln, die schwer zu verdauen sind

Herbert Fromme

Die deutsche Versicherungswirtschaft hat die Finanzkrise ohne größere Einschläge überstanden, die assekuranz-freundliche schwarz-gelbe Regierung ist an der Macht und die Konjunktur zieht an. Man sollte meinen, die Vorstände hätten allen Grund zur Zufriedenheit.

Pustekuchen. In der Branche herrscht große Sorge, viele Manager sind spürbar verunsichert. Denn so langsam dämmert es den meisten, dass auch die Versicherer schwer unter der Krise leiden – durch die anhaltenden Niedrigzinsen.

Niedrige Zinsen sind ein langsam wirkendes Gift, das mit Verzögerung die bisherigen Geschäftsmodelle der deutschen Versicherer zerfressen kann. Die Gesellschaften haben im Durchschnitt ihren Kunden Zinsgarantien von 3,4 Prozent auf den Sparanteil ihrer Prämie gegeben. Zurzeit verdienen sie mit Neuanlagen in Staatsanleihen kaum 2,5 Prozent. Aktien verbieten sich für die meisten Gesellschaften, weil sie viel Eigenkapital zur Unterlegung erfordern. Mit Unternehmensanleihen oder Private Equity versuchen die Anleger der Assekuranz, sich zu retten.

Offiziell verbreiten die Vorstände Optimismus. „Wir haben auch keine Probleme, wenn wir nur zwei Prozent für 20 Jahre bekommen“, sagt Daniel von Borries, Chef der Ergo Lebensversicherung. Das mag daran liegen, dass sich die Munich-Re-Tochter Ergo gegen die Auswirkungen des berühmten Japan-Szenarios mit lang anhaltenden Zinssätzen von einem Prozent oder darunter am Kapitalmarkt abgesichert hat. Aber die Mehrheit der Gesellschaften fährt heute Probleme ein, die sich in sieben bis acht Jahren zeigen werden. So wie die heutigen Gewinne aus der Lebensversicherung auf Zinssätzen und Investmententscheidungen von 2003 und 2004 beruhen.

Das Geschäftsmodell deutscher Lebensversicherer besteht im Kern darin, breiten Bevölkerungskreisen Sparmöglichkeiten mit vergleichsweise kleinen Beiträgen zu liefern. Heute meistens für die Altersvorsorge, früher auch zum bloßen Vermögensaufbau. Zwölf Jahre einzahlen, die Gewinne steuerfrei kassieren, das war das Motto. Millionen von Bundesbürgern haben mehrere kleine Lebensversicherungen, die eigentlich Sparpläne sind.

Mithilfe von Riester- und Rürup-Policen hat der Markt den Wechsel zur Altersvorsorge halbwegs geschafft. Aber seit der Finanzkrise trocknet das Kerngeschäft gegen laufenden Beitrag aus. 2009 verkaufte die Branche insgesamt 6,1 Millionen neue Verträge, ein Rückgang von 8,1 Prozent. Das Neugeschäft gegen laufenden Beitrag ging um 15 Prozent auf 5,8 Mrd. Euro Jahresbeitrag zurück. Um 60 Prozent auf 19,7 Mrd. Euro gestiegen ist dagegen der Absatz von Verträgen gegen Einmalbeitrag. Kunden in Anlagenot deponieren 50 000 oder 100 000 Euro bei einem Lebensversicherer, meistens mit einer besseren Verzinsung als bei der Bank.

Viele sehen das skeptisch, auch innerhalb der Branche. Sie monieren, dass solche Geschäfte nur zulasten der bestehenden Versicherten möglich sind, deren Kapitalanlagen noch eine gute Rendite aufweisen. Die Befürworter der Einmalbeiträge weisen das Argument zurück. In Frankreich und Italien machten die Einmalbeiträge über 50 Prozent des Umsatzes der Lebensversicherer aus, solche Zeiten sagen sie auch für den deutschen Markt voraus.

Ob das so kommt, wird sich zeigen, wenn die Zinsen wieder ansteigen. Denn dann erweist sich, ob die Kunden das Geld bei den Lebensversicherern lassen oder in lukrativere Anlagen bei den Banken wechseln.

Schließlich kommt ein großer Teil des Einmalgeschäfts von Banken. Die öffentlichen Versicherer des Sparkassenlagers müssen sich sogar regelrecht dagegen wehren, dass die Sparkassen ihnen nicht zu viel in die Bestände drücken. Für Banken hat das Geschäft viele Vorteile. Sie können Kunden, die größere Summen parken wollen, zurzeit kaum renditestarke Anlagen bieten. Geben sie das Geschäft an einen Lebensversicherer, kostet sie das null Eigenkapital, bringt aber Provision. Fast noch wichtiger: Banken betreuen den Kunden weiter und können ihm bei einer Änderung der Zinslandschaft zum Umschichten raten.

Bei den vielen Unwägbarkeiten passt es gut in die Landschaft, dass problembeladene Lebensversicherer stillgelegt werden. Der größte bekannte Fall ist die zu Ergo gehörende Victoria Leben mit 1,7 Millionen Kunden, die wegen mangelnder Konkurrenzfähigkeit kein Neugeschäft mehr zeichnet. Auch Delta Lloyd, Bayerische Beamtenversicherung und andere sind im sogenannten Runoff, wie die Branche Abwicklungen nennt. „Nicht wettbewerbsfähige Lebensversicherer könnten sich vermehrt für einen Runoff entscheiden“, sagt Tim Ockenga von der Ratingagentur Fitch. Dabei besteht auch die Möglichkeit eines „stillen Runoffs“, der nicht öffentlich wird.

In der komplexen Lage für die Lebensversicherer wundert es nicht, wenn selbst Branchengrößen Zweifel anmelden. „Die Frage muss doch lauten: Wie ertragreich ist die deutsche Lebensversicherung bei ökonomischer Betrachtung?“, sagt Nikolaus von Bomhard, Chef der Munich Re und damit auch der Ergo. „Die Antwort: Nicht sehr ertragreich, wie übrigens auch in anderen Ländern.“

Besonders trifft es Konzerne, die in erster Linie die Lebensversicherung betreiben. Wer Ausgleichsmöglichkeiten durch einen starken Schaden- und Unfallversicherer hat, kann die Durststrecke leichter überwinden. Aber auch hier herrscht nicht nur eitel Freude. Die Kernsparte Autoversicherung steckt in den roten Zahlen, die Preisschere zwischen den Angreifern HUK-Coburg oder DEVK und den Verteidigern der Marktanteile, vor allem der Allianz, wird sich ab Januar 2011 weiter öffnen. Denn viele Gesellschaften erhöhen die Preise, die aggressiven Marktanteilsjäger kaum. Die Folge: Einige Gesellschaften werden immer weniger Fahrzeuge versichern und sich gewollt oder ungewollt zurückziehen. Die Pleite des Direktanbieters Ineas und der Rückzug des britischen Anbieters Admiral sind deutliche Zeichen.

Gewinnbringer für die Branche sind weiterhin die Unfallversicherung, Hausratpolicen und große Teile des Gewerbegeschäfts und der Industrieversicherung. Aber die heftige Konkurrenz unter den Anbietern sorgt auch hier dafür, dass die Preise in den Keller rauschen.

Die Absatzkrise bedeutet Chancen für gute Verkäufer. Wer ordentliche Verkaufszahlen vorweisen kann, wird von der Konkurrenz mit Kusshand genommen. Auch Beteiligungen an Vertriebsorganisationen sind begehrt.

Intern versuchen die Managements, ihre Strukturen an die neue Lage anzupassen. Fast alle großen Konzerne bauen um oder adjustieren die kürzlich vollzogenen Umbauten. Generali hat Tochtergesellschaften zusammengeschlossen, Talanx wirft die Reorganisation von 2007 über den Haufen und führt eine ganz neue Struktur ein, Munich Re fusioniert die meisten Versicherer der einstigen Marken Victoria und Hamburg-Mannheimer.

Die Allianz hat sich langsam an den Verkauf der Dresdner Bank gewöhnt und versucht, die Partnerschaft mit der Commerzbank mit Leben zu erfüllen – und wechselt munter das Spitzenpersonal bei der Deutschland-Tochter aus.

Über allen Entscheidungen schwebt die Furcht vor den Auswirkungen der neuen EU-Regeln für Eigenkapital und Aufsicht, Solvency II. Das System soll 2013 kommen und könnte – so die Befürchtung – das Ende für viele kleine und mittlere Versicherer bedeuten. „Zu viel, zu teuer, zu kompliziert“, so das Urteil von Gothaer-Chef Werner Görg, der zumindest eine schrittweise Einführung anmahnt.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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