Neue Regeln spalten die Assekuranz

Kleine Versicherer fürchten um ihre Existenz

Herbert Fromme , Berlin

Die kleinen und mittelgroßen Versicherer fürchten, durch die neuen Eigenkapitalregeln Solvency II von den Branchengrößen an die Wand gedrückt zu werden. Ihr Zorn zielt vor allem auf Munich Re und Allianz.

Ihr Vorwurf: Die Großversicherer hätten aus Eigennutz Solvency II gefördert und zusammen mit dem französischen Axa-Konzern durch immer neue Anforderungen verkompliziert.

Ihre Angst: Der enorme finanzielle und personelle Aufwand könnte kleine Anbieter überfordern und aus dem Markt drängen, übrig bleiben die Platzhirsche – eine ungewollte Flurbereinigung nach Brüsseler Art.

„Die Allianz sieht Solvency II als Mittel zur Konsolidierung, dabei sollte das doch ausdrücklich nicht Zweck des Modells sein“, wettert etwa Michael Baumeister, Chef der kleinen Gartenbau Versicherung in Wiesbaden. „Wir werden eine Wettbewerbsverzerrung erleben“, glaubt auch Thomas Flemming von der Mecklenburgischen.

Munich Re wittert ChancenTatsächlich betont Munich Re immer wieder, dass Solvency II das Geschäft der Rückversicherer deutlich beleben wird. „Solvency II wird Licht am Ende eines für die Munich Re langen Tunnels bringen“, sagte Finanzchef Jörg Schneider bereits im November 2009 mit Blick auf das schwächelnden Kerngeschäft der früheren Münchener Rück. Die Regeln zwängen die Branche, mehr Eigenmittel vorzuhalten. Das bringe Munich Re mehr Geschäft. „Aus der Perspektive meines Hauses entsteht kein höherer Bedarf nach Rückversicherung“, sagt dagegen Gärtner-Versicherer Baumeister.

Auch Allianz-Chef Michael Diekmann macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. „Wir haben allein in Deutschland mehrere Hundert Versicherer, teilweise mit Umsätzen, die einer Geschäftsstelle der Allianz in Regensburg entsprechen“, sagte Diekmann im Februar 2010. Er bezweifele, dass dies sinnvoll sei. Solvency II soll bei der Marktbereinigung helfen.

„Die Konsolidierung wird kommen“, glaubt Diekmann. Zurzeit stehe zwar kein Versicherer durch zu wenig Eigenkapital am Abgrund. „Aber wenn man ein anderes Kapitalmodell anwendet, kann das schon sehr eng werden.“ Zwar will die Allianz prinzipiell aus sich selbst heraus wachsen. Sie prüft aber auch Übernahmechancen, die sich aus der neuen Situation ergeben.

Auch die Allianz frohlocktDass die Allianz überzeugt davon ist, dass ihr die neuen Regeln bei der Marktbereinigung nutzen, ist nicht neu. Der damalige Finanzvorstand Helmut Perlet sagte bereits im September 2005 auf einer Pressekonferenz des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), dass kleine Konkurrenten nach Einführung von Solvency II verhältnismäßig mehr Eigenmittel benötigen als große Gesellschaften. „Wer das Standard-Risikomodell verwendet, dürfte zehn bis 20 Prozent höhere Kapitalanforderungen haben als ein Unternehmen mit einem internen Modell“, sagte Perlet seinerzeit. „Allein bei mir in der Abteilung arbeiten rund 30 Leute permanent an dieser Sache.“

Jeder in der Branche weiß: Interne Modelle sind komplex und teuer. Und heute ist erst recht klar: Kleine und mittlere Versicherer werden sich den Aufwand kaum leisten können. Sehr kleine Nischenanbieter mit nur einem Geschäftszweig haben dagegen schon eher eine Chance zu überleben. So auch die Gartenbau Versicherung. „Wir haben mithilfe von Beratern unser eigenes Modell entworfen“, sagt Unternehmenschef Baumeister.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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