PKV plant Tarif für Nichtzahler

Private Krankenversicherer mit neuem Angebot für säumige Kunden // HoheBeitragsaußenstände

Ilse Schlingensiepen

und Herbert Fromme, Köln

Die privaten Krankenversicherer (PKV) planen nach FTD-Informationen einen neuen Spezialtarif für Mitglieder, die ihre Beiträge nicht zahlen können. Denn auch für Nichtzahler müssen die Gesellschaften bei Notfällen die Behandlung bezahlen – dazu zählt der Gesetzgeber auch Schwangerschaften und Geburten. Gleichzeitig haben die Versicherer mit der steigenden Zahl von zahlungsunfähigen Kunden ein zunehmendes Bilanzproblem.

„PKV-weit sprechen wir von rund 150 000 Nichtzahlern und erwarteten Beitragsaußenständen von 300 Mio. Euro bis Ende 2010“, sagte eine Sprecherin der Central in Köln, die zum Generali-Konzern gehört. Das Unternehmen war bekannt für seine Billigtarife und hatte im vergangenen Jahr die Notbremse ziehen müssen – es versichert heute bestimmte Berufsgruppen wie Kioskbesitzer oder Gastwirte nicht mehr.

Hintergrund ist der heftige Konkurrenzkampf der 46 PKV-Unternehmen untereinander sowie mit den gesetzlichen Krankenkassen. Privat versichern dürfen sich nur Beamte, Selbstständige und Angestellte, die mehr als 49 950 Euro pro Jahr verdienen. Rund 8,8 Millionen Bundesbürger sind privat versichert, die Hälfte davon sind Beamte. Bei den gesetzlichen Kassen sind 4,5 Millionen Menschen freiwillig versichert, die könnten in die PKV wechseln, tun es aber nicht.

Auf der Suche nach Neugeschäft haben eine ganze Reihe von Versicherern kleine Selbstständige ins Visier genommen und ihnen sehr billige Tarife verkauft, gerade wenn sie sich frisch selbstständig gemacht hatten. Anstatt 560 Euro im Monat als freiwillig versichertes Mitglied an eine Krankenkasse zu zahlen kommen viele mit 250 Euro oder weniger bei einer privaten Versicherung davon, wenngleich der Leistungsumfang oftmals unter dem der gesetzlichen Kassen liegt.

Das Problem: Laufen die Geschäfte der neuen Privatversicherten nicht so gut oder gehen sie sogar in die Insolvenz, bleiben sie dennoch bei den Gesellschaften weiter versichert, zahlen aber den Beitrag nicht.

Bei den Versicherern türmen sich die Außenstände auf, die sie regelmäßig abschreiben müssen und damit den Gewinn reduzieren. Sie müssen sogar Alterungsrückstellungen für die ungeliebten Kunden aufbauen. Bei den Nichtzahlern wachsen die Schulden. Laufen die Geschäfte besser, kommen sie kaum von dem Berg herunter.

Der Gesetzgeber hat vorgesehen, dass Versicherer die Nichtzahler nach einem Jahr in den Basistarif abschieben können, der einen Schutz analog zu den Krankenkassen bietet. Doch da der Basistarif im Moment 560 Euro im Monat kostet, würde das Problem für die meisten Versicherer dadurch größer und nicht kleiner.

Die Lösung soll ein Sondertarif unterhalb des Basistarifs bieten, der nur Notfälle absichert und für den ein Beitrag von rund 100 Euro fällig wird. „Das können die meisten noch zahlen, und wir haben das Bilanzproblem nicht mehr“, sagte der Vorstand eines mittelgroßen Versicherers. Unklar ist aber, ob eine gesetzliche Regelung notwendig ist. Auch die Frage, ob die Versicherer in diesem Sondertarif ausnahmsweise auf die Bildung von Alterungsrückstellungen verzichten können, ist noch nicht entschieden.

Die Hansemerkur in Hamburg ist bereits vorgeprescht. Den Tarif „Mini“ bietet der Versicherer ausschließlich eigenen Kunden an, die keine Beiträge mehr zahlen. „Dabei geht es um Versicherte, die prinzipiell zahlen wollen, sich aber in einem finanziellen Engpass befinden, den sie als vorübergehend empfinden“, sagt Vorstand Eberhard Reinhold Sautter. „Mini“ kostet 70 bis 100 Euro und ist mit geringen Alterungsrückstellungen kalkuliert.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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