Boom macht Risikoschutz billiger

Die Krise hat Firmen gelehrt, dass ein gutes Kreditmanagement ihre Zukunftbestimmen kann. Kreditversicherer spielen dabei eine wichtige Rolle

Herbert Fromme und Anja Krüger

Irland-Krise hin, Griechenland-Verschuldung her: Auch wenn die Turbulenzen an den Finanzmärkten noch lange nicht zu Ende sind, für deutsche Unternehmen scheint es in der Vorweihnachtszeit nur gute Nachrichten zu geben. Allerorten Wachstum, der Motor brummt. Ganz wichtig: Die Pleitewelle ebbt ab. Schließlich droht jede Insolvenz andere Unternehmen mit in den Abgrund zu reißen.

2010 gingen weit weniger Firmen in die Insolvenz als Experten vorausgesagt hatten. 2009 stieg die Zahl der Pleiten deutlich, um 11,6 Prozent auf 32 687. „Aber für das laufende Jahr gehen wir aufgrund der guten und unerwartet schnellen konjunkturellen Entwicklung nur noch von einem leichten Anstieg um rund ein Prozent auf etwa 33 100 Insolvenzen aus“, sagt Peter Ingenlath, Vizechef des Kreditversicherers Atradius und Vorsitzender der Kommission Kreditversicherung des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Vor zwölf Monaten hatten die Versicherer noch damit gerechnet, dass die Zahl der Zusammenbrüche von Unternehmen im Jahr 2010 auf mehr als 35 000 steigt. „Das starke Wachstum in Deutschland erstreckt sich über nahezu alle Branchen“, sagt er.

Für die Kreditversicherer sind das gute Nachrichten. Sie haben im Milliardenspiel um Geldforderungen der Firmen untereinander eine Hauptrolle. Zu jedem Zeitpunkt eines Jah-res haben deutsche Hersteller und Dienstleister Forderungen von 300 Mrd. Euro gegeneinander. Das ist mehr, als ihnen Banken an kurzfristigen Krediten zur Verfügung stellen. Trotz der gewaltigen Summen ist das im Wesentlichen problemlos für die Wirtschaft – es sei denn, das System gerät wie in der Finanzkrise in ein ernsthaftes Ungleichgewicht.

Im Normalbetrieb sind die Widrigkeiten überschaubar. Dazu tragen Banken, Factoring-Unternehmen und Kreditversicherer bei. Sie geben Unternehmen Deckung für den Fall, dass deren Kunde nach einer Lieferung pleitegeht und seine Rechnung nicht zahlt. Deshalb beobachten sie die Wirtschaftsentwicklung genau. „Seit Anfang des Jahres erleben wir in Deutschland eine Konjunkturbelebung, die die Umsätze ankurbelt und damit das Volumen der Warenkredite, die sich Unternehmen gewähren, nach oben treibt“, sagt Ingenlath.

2008 geriet die Branche unter heftigen Druck von Wirtschaftsverbänden und Politik. Der Vorwurf: Die Kreditversicherer hätten willkürlich ganze Branchen zu schlechten Risiken erklärt und deshalb Lieferungen an Firmen in diesen Segmenten nicht mehr gedeckt. Die Assekuranz wehrte sich – zunächst auch gegen eine staatliche Top-up-Deckung, mit der die Bundesregierung dem angeblichen Notstand begegnen wollte.

Relativ rasch sahen die Kreditversicherer aber ein, dass ihr Protest fruchtlos blieb. Sie änderten ihre Haltung und sorgten dafür, dass sie selbst das System verwalteten, Anträge also über sie eingereicht wurden.

Inzwischen hat sich gezeigt, dass die Branche mit ihrer Einschätzung Recht hatte – es gab keinen echten Notstand. Denn bis Ende Oktober 2010 haben deutsche Unternehmen ganze 497 Verträge mit einem Deckungsvolumen von 130 Mio. Euro abgeschlossen. Sie stammen vor allem aus der Bau- und Stahlbranche.

Zum Vergleich: Das Deckungsvolumen der Kreditversicherer insgesamt lag bei 312 Mrd. Euro. „Ungeachtet der geringen Inanspruchnahme bewerten wir und der Bund das Programm als erfolgreich“, sagt Ingenlath versöhnlich. „Auch wir meinen, dass das Programm in einer für die deutsche Wirtschaft schwierigen Phase zumindest einen kleinen Beitrag dazu geleistet hat, Schlimmeres zu vermeiden.“

Konkurrenz auf zwei EbenenDie rasche Verbesserung der Lage hat inzwischen schon wieder dafür gesorgt, dass die 2009 kräftig gestiegenen Preise für die Kreditversicherung unter Druck geraten. „Wir sehen leicht fallende Preise, auch wenn wir noch keine dramatische Situation feststellen können“, sagt Jan Müller, Zentralbereichsleiter für Kredit, Kaution und politisches Risiko bei der Hannover Rück, der Nummer drei im Weltmarkt.

Die Konkurrenz spielt sich auf zwei Ebenen ab. Bei den Erstversicherern, die mit Endkunden Geschäfte machen, beharken sich vor allem die drei Großen Euler Hermes, eine Tochter der Allianz, Atradius und Coface. Aber kleinere Anbieter wie R+V suchen zunehmend ein größeres Stück vom Kuchen zu ergattern. Überdies spielen die Rückversicherer eine wichtige Rolle. Denn wegen der höchst zyklischen Natur der Kreditversicherung benötigen die Erstversicherer hohe Rückdeckungen. 2009 wurden die Preise auch hochgetrieben, weil der große Anbieter Swiss Re seine Kapazität dramatisch reduzierte.

Inzwischen sind die Schweizer wieder da. Der Teilrückzug hatte aber weitere, ungeahnte Folgen. Eine Reihe guter Experten verließ Swiss Re und heuerte bei Rückversicherern an, die bislang im europäischen Kreditrückversicherungsmarkt keine große Rolle spielten. Plötzlich sind Anbieter aus London und Bermuda auf dem Markt, angelockt von den hohen Preisen und Gewinnen des Jahres 2009.

„Das ist ja nicht unüblich“, sagt Hannover-Rück-Mann Müller. „Wenn die Sonne wieder scheint, kommen viele wieder und andere sind zum ersten Mal dabei.“ Namen will Müller nicht nennen. In der Branche ist aber bekannt, dass Catlin, Amlin oder Ariel gerne Kreditversicherungsrisiken rückdecken.

Einträgliches GeschäftSie bringen frische Kapazität und sorgen so dafür, dass die Preise für Rück- und Erstversicherung wieder nachgeben, das Geschäft aber immer noch hoch lukrativ ist. Für 2010 erwartet die Branche eine Schadenquote von 50 Prozent der Beitragseinnahmen, dazu kommen 13 Prozentpunkte Kosten – zusammen also nur 63 Prozent. 2009 lag die sogenannte Schaden-Kosten-Quote bei 91 Prozent. „Wenn wir unsere Kapitalkosten einrechnen, haben wir 2009 Federn gelassen“, sagt der GDV-Ausschussvorsitzende Ingenlath. Deshalb seien die höheren Gewinne 2010 gerechtfertigt. In den Gesprächen zwischen der deutschen Industrie und den Kreditversicherern über die Verträge für 2011 dürften diese Zahlen eine große Rolle spielen.

Zwar sehen auch die Kunden, dass nur gesunde Kreditversicherer ihre Aufgabe wahrnehmen können – aber alles in einem Maße, das für die Industrie bezahlbar bleibt. Denn wenn die Kreditversicherer Renditen einfahren, von denen die Industrie nur träumen kann, stimmt im Geschäftsverhältnis etwas nicht.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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