Brüssel meint es gut und macht es schlecht

Die EU will mit neuen Vorgaben kleine Unternehmen vor säumigen Zahlernschützen. Doch die neuen Regeln könnten das Gegenteil bewirken

Friederike Krieger

Es gibt Schlagzeilen, die Siemens nicht so gerne sieht. Im September 2010 war das der Fall: Lieferanten beschuldigten den DAX-Konzern, Zahlungen an kleine und mittelgroße Unternehmen systematisch zu verzögern. Statt der üblichen 30 Tage habe Siemens Zahlungsziele von 60 oder sogar 90 vorgegeben. Doch auch diese Fristen überschreite der Konzern und überweise öfters auch erst nach vier Monaten oder einem halben Jahr. Die Münchner Zentrale des Konzerns dementierte, die Kritiker blieben bei ihrer Darstellung.

Dabei geht es ihnen gar nicht um ein einzelnes Unternehmen – das kritisierte Verhalten ist bei Großkonzernen an der Tagesordnung. „Kleinen Lieferanten, die mit Großkunden Geschäfte machen, werden die Zahlungsfristen oft diktiert“, sagt Hardy Gude von der Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Das Unternehmen untersucht regelmäßig die Zahlungsmoral in Deutschland. Die Liquidität der kleinen Firmen leidet, wenn sie ihren Abnehmern durch großzügige Fristen einen Lieferantenkredit gewähren. „Sie müssen ja auch ihre eigenen Lieferanten, Rohstoffe und Mitarbeiter bezahlen. Da kommt ein ziemlich großer Batzen zusammen“, sagt Gude. Im Zweifelsfall benötigen sie Überbrückungskredite ihrer Banken. Doch die sind teuer und schwer zu bekommen.

Als weißen Ritter sieht sich die EU-Kommission. Um kleine und mittelgroße Unternehmen vor Liquiditätsengpässen aufgrund zu spät überwiesener Rechnungen zu schützen, hat die EU ihre angestaubte Richtlinie zu Zahlungsfristen aus dem Jahr 2000 überarbeitet. Während die Richtlinie bislang lediglich vorgibt, dass Unternehmen ab dem 30. Tag nach Rechnungsdatum Verzugszinsen berechnen dürfen, sind nun konkrete Fristen vorgesehen. Sie sollen in der gesamten EU gelten.

Harmonisierte ZahlungszieleÖffentliche Auftraggeber haben künftig 30 Tage Zeit, um zu zahlen, in Ausnahmefällen 60 Tage. Bei Geschäften zwischen Unternehmen sollen die EU-Mitgliedsstaaten sicherstellen, dass die vertraglich vereinbarten Zahlungsfristen 60 Tage nicht überschreiten. Darüber hinausgehende Fristen dürfen die Unternehmen nur vereinbaren, wenn dadurch kein Partner grob benachteiligt wird. Die Änderungen müssen voraussichtlich bis Anfang 2013 in nationales Recht umgesetzt werden.

Die Experten reagieren höchst unterschiedlich. Creditreform begrüßt die EU-Initiative. „Die Marktmacht der großen Unternehmen wird eingedämmt“, sagt Gude. Es sei positiv, dass es bald in ganz Europa verbindliche Fristen gebe, auf die sich Unternehmen berufen können. „Deutschland ist ein Exportland. Die Hauptabnehmer sitzen in der EU, doch die Zahlungsmoral ist recht unterschiedlich ausgeprägt“, sagt er. Während Kunden aus nordeuropäischen Ländern Rechnungen schnell zahlen, lassen sich Unternehmen aus dem Süden viel Zeit. So begleichen finnische Abnehmer ihre Schulden nach durchschnittlich 26 Tagen, griechische Firmen dagegen erst nach 128 Tagen. „Durch die Novellierung der Richtlinie haben Firmen keine Nachteile mehr, nur weil sie nach Südeuropa liefern“, sagt er.

Auch die Vorgabe, dass die öffentliche Hand nach 30 Tagen zahlen muss, werde positive Auswirkungen haben. Allgemein betrachtet hat sich das Zahlungsverhalten in Deutschland in den vergangenen fünf bis sieben Jahren stetig verbessert. „Auch durch die Krise gab es keine dramatischen Einbrüche“, sagt er. Die Zahlungsmoral habe sich nur leicht verschlechtert, und die Einbußen seien seit dem Frühjahr 2010 wieder aufgeholt worden.

Nur das Zahlungsverhalten der öffentlichen Auftraggeber lässt zu wünschen übrig. Laut Creditreform erhalten 82,5 Prozent der Unternehmen, die mit anderen Firmen oder Privatkunden Geschäfte treiben, ihr Geld innerhalb von 30 Tagen. Bei Betrieben, die mit der öffentlichen Hand Verträge haben, sind es nur 66 Prozent. Gude hofft, dass die überarbeitete Richtlinie hier Abhilfe schafft.

Andere Experten sind nicht so optimistisch. Thomas Langen, Deutschlandchef des Kreditversicherers Atradius, glaubt nicht, dass die Richtlinie ihr Ziel erreicht, die Lieferanten vor überlangen Zahlungszielen zu bewahren. Der Kreditversicherer hat fast 4000 Unternehmen aus 22 Ländern zu dem europäischen Regelwerk befragt. „Die deutschen Unternehmen sehen die Richtlinie sehr kritisch“, sagt er. In Spanien, Großbritannien und Italien begrüßt die Mehrheit der Firmen die Vorgabe von Zahlungszielen durch die EU. Dagegen sind in Deutschland nur 34 Prozent der Unternehmen positiv gestimmt, 43 Prozent halten die Richtlinie für wirkungslos. Der Grund: Die Zahlungsfristen liegen hierzulande unter den EU-Zielen. Laut dem Zahlungsmoralbarometer des Kreditversicherers wollen deutsche Unternehmen nach durchschnittlich 19 Tagen bezahlt werden und erhalten ihr Geld nach etwa 24 Tagen.

Ein Viertel der befragten deutschen Firmen rechnet mit negativen Folgen. „Viele Unternehmen fürchten, dass sich die Zahlungsmoral dadurch eher verschlechtert“, sagt er. Es zwinge zwar niemand die Unternehmen, ihre Zahlungsziele gemäß der Vorgaben auszudehnen. „Die Richtlinie könnte allerdings eine psychologische Wirkung auf den Markt haben“, sagt Langen. Die Kunden könnten unter Berufung auf die EU-Vorgaben versuchen, spätere Zahlungsziele durchzusetzen. Das sei vor allem im Aufschwung äußerst hinderlich. „Die Unternehmen brauchen das Geld, um ihre steigenden Umsätze zu finanzieren. Da macht es schon einen großen Unterschied, ob sie nach 20 oder 40 Tagen bezahlt werden“, sagt Langen.

Auch die Baubranche ist von der Regelung alles andere als begeistert. „Für deutsche Bauunternehmen ergibt sich eine Verschlechterung der derzeitigen Situation, wenn die Richtlinie eins zu eins in deutsches Recht umgesetzt wird“, sagt Heiko Stiepelmann vom Hauptverband der Deutschen Bauindustrie. Der Verband sei Sturm gelaufen, um die Änderungen zu vermeiden. Ihn stört insbesondere, dass die EU die maximale Abnahmefrist für Bauwerke auf 30 Tage festgesetzt hat.

„In Deutschland sind Abnahmen innerhalb von 12 Tagen vorgesehen“, sagt er. Das Problem: Erst wenn der Auftraggeber bestätigt hat, dass das Gebäude mängelfrei ist, kann die Baufirma die Rechnung ausstellen – und muss dann unter Umständen weitere 60 Tage auf das Geld warten. „Marktstarke Partner können bis zu drei Monaten kostenlosen Kredit bei Baufirmen herausschlagen“, sagt er. Das sei angesichts knapper Margen ein enormer Kostenfaktor. „Große Firmen können das einkalkulieren, aber bei kleinen Firmen kann es bitter werden“, sagt Stiepelmann. Der Verband gibt die Schlacht noch nicht verloren. „Deutschland muss die Richtlinie nicht zwingend so umsetzen, sondern könnte auch bei den strengeren Regeln bleiben“, sagt Stiepelmann. So ganz glaubt er aber auch nicht daran: „Die öffentliche Hand hat ja selbst als Auftraggeber ein Interesse, die Zahlungsfristen zu verlängern.“

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Schulnote vom Kreditversicherer

Herbert Fromme

505 Wörter

14 Dezember 2010

Financial Times Deutschland

FTD

4SA04

Deutsch

(c) 2010 – All rights reserved. Copyright Financial Times Deutschland, Hamburg.

Die Gesellschaften sollen Ratingagenturen werden. Aber nicht alle wollen indiesen Markt

Herbert Fromme

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als hätten sie die idealen Voraussetzungen für die Gründung eines professionellen Ratingunternehmens: Kaum ein Marktteilnehmer hat so viele Daten über einzelne Unternehmen gesammelt wie die Kreditversicherer. Euler Hermes, Atradius, Coface, R+V und andere leben davon, dass ihre Informationen korrekt sind. Erkennen sie nicht früh genug, dass eine Firma auf der Kippe steht, können sie viel Geld verlieren – denn sie versichern Unternehmen für den Fall, dass der Geschäftspartner Pleite macht, bevor er die Rechnungen bezahlt hat.

Dazu kommt politischer Rückenwind. In der Finanzkrise waren die führenden angelsächsischen Agenturen Standards & Poor’s, Moody’s und Fitch harsch kritisiert worden – sie gaben Papieren ausgezeichnete Noten, die wenig später nur noch Ramschstatus hatten. Nach diesen Erfahrungen hatte unter anderem Jean-Claude Trichet, der Präsident der Europäischen Zentralbank, den Aufbau eines europäischen Bonitätsprüfers verlangt und dafür die Kreditversicherer ins Gespräch gebracht.

Der französische Anbieter Coface, die Nummer drei im Weltmarkt, hat als Erster erklärt, dass er im großen Stil in das Geschäftsfeld einsteigen will. Coface plant, Bewertungen über Unternehmen an Anleger und Banken zu verkaufen. Wertpapiere will Coface nicht beurteilen. Das Modell unterscheidet sich grundlegend von dem der etablierten Agenturen. Sie schließen Verträge mit den betroffenen Firmen und lassen sich auch von ihnen bezahlen, Banken und Anleger erhalten die Bewertungen kostenlos.

Ob Coface Interessenten für das umgekehrte Bezahlmodell findet, wird sich zeigen. Eigentlich wollte das Unternehmen mit 12 000 Bewertungen Ende 2010 EU-weit auf den Markt kommen. Der Start verzögert sich. Coface muss sich bei den Finanzaufsichtsbehörden registrieren lassen. „Das Antragsverfahren läuft in Frankreich und Großbritannien weiter“, sagt Sprecher Dirk Bröckelmann. „Für weitere acht Länder, darunter Deutschland, haben wir das Verfahren zunächst einmal ausgesetzt.“ Hier müsse Coface einige organisatorische und rechtliche Fragen mit den Aufsehern klären. „2011 werden wir das Antragsverfahren wieder aufnehmen“, kündigt er an.

Keine Ambitionen in diese Richtung hat Marktführer Euler Hermes in Paris, der zur Allianz gehört. Dies stehe nicht im Widerspruch zu der Tatsache, dass die Konzerngesellschaft Euler Hermes Rating GmbH als erste die Registrierung nach den neuen EU-Regeln abgeschlossen hat, heißt es in Paris. Die kleine Tochter werde im Mittelstand aktiv sein.

Für Euler Hermes selbst lehnt Vorstandschef Wilfried Verstraete eine Ratingrolle ab. Zwar habe das Unternehmen die Kompetenz, wenn nicht bei Wertpapieren, so doch bei der Beurteilung von Unternehmen. Die Kreditbeurteilung sei aber genau der Kern des eigenen Geschäfts. „Das ist unser Produktionsgeheimnis, und das wollen wir nicht herausgeben“ , sagt er. Wenn Euler Hermes als Kreditversicherer eine Deckung reduziere, das Rating aber nicht anpasse und die betroffene Firma dann insolvent werde, müsse der Versicherer mit hohen Haftungsansprüchen rechnen. „Es geht uns nicht ums Prinzip, wir sehen nicht, wie das praktisch funktionieren kann“, sagt Verstraete.

Auch Rivale Atradius sieht das so und will sich nicht engagieren. Ohnehin dürfte der Markt für Ratingagenturen außerhalb der etablierten Szene demnächst enger werden. Die Düsseldorfer Creditreform will sich dort ebenso engagieren wie die MLP-Fondsbewertungstochter Feri.

Dokument FTD0000020101214e6ce0003p

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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