Mehr als ein Sahnehäubchen

Die Assekuranz kämpft mit der Marktsättigung bei Zusatzpolicen, doch dieZukunft könnte rosig sein. Unternehmen schätzen Aussichten aber unterschiedlichein

Katrin Berkenkopf

Wer als gesetzlich Versicherter ein Einzelzimmer in der Klinik wünscht oder beim Zahnersatz weniger zuzahlen will, kann sich Zusatzpolicen kaufen. Für die privaten Krankenversicherer (PKV) sind diese Verträge mehr als ein nettes Zubrot. Sie können sich damit in Stellung bringen für ein künftiges Absinken des Leistungsniveaus der Krankenkassen und dem dann notwendigen Bedarf nach privater Aufstockung.

Rund 21,5 Millionen Menschen hatte Ende 2009 eine Zusatzversicherung abgeschlossen, 16,1 Millionen davon waren in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Das Segment wächst in letzter Zeit aber nur noch langsam.

Nach Angaben von Debeka-Vorstand Roland Weber liegt eine wesentliche Schwierigkeit beim Vertrieb von Zusatzversicherungen darin, die Versicherten vom Bedarf zu überzeugen. „Das ist ein Bohren harter Bretter“, sagt er. Bei der Debeka laufen die preisgünstigen Tarife für den Zahnersatz sehr gut. Anders sieht es bei den teureren Pflegezusatzversicherungen aus. „Da fehlt bei vielen Versicherten das Bewusstsein für die Notwendigkeit.“ Thomas Michels, Vorstand der Axa Krankenversicherung, glaubt an weiteres Wachstum: „Vor dem Hintergrund der absehbaren Herausforderungen im Gesundheitswesen – insbesondere im Bereich der GKV – rechnen wir damit, dass sich immer mehr Menschen dafür entscheiden, reduzierte Leistungsniveaus durch Zusatzversicherungen auszugleichen.“

Den letzten großen Schub gab es 2004, als Kooperationen zwischen Kassen und PKV-Unternehmen möglich wurden. Mittlerweile ist auf dem Gebiet Ernüchterung eingekehrt. „Da wurden Partnerschaften geschlossen, die eigentlich nicht passten“, sagt Herbert Oberländer, Senior Executive Manager beim Beratungsunternehmen Steria Mummert Consulting, das eine Umfrage zum Thema gemacht hat. Im Moment sei deshalb die Zeit für eine Neuorientierung gekommen, sagt er.

Für die PKV mache es weiterhin Sinn, mit den Kassen zusammenzuarbeiten, sagt Oberländer, und das nicht nur, weil dies ein besonders günstiger Vertriebsweg ist. Die Kooperationen der Zukunft müssten allerdings weitergehen. Beim Versorgungs- und Leistungsmanagement und der Abwicklung von Zahlungen könnten PKV-Unternehmen noch einiges von den Kassen lernen. „Die sind da viel weiter.“ Allzu enger Zusammenarbeit sind allerdings gesetzliche Riegel vorgeschoben.

„Eine solche Partnerschaft ist die Plattform, um sich auf jede mögliche Gesetzesform einzustellen“, sagt Oberländer mit Blick auf die Zukunft. Er selbst glaubt an ein Schichtenmodell aus obligatorischer Grundabsicherung und freiwilligen Zusatzbausteinen. Vor übertriebenen Erwartungen warnt Debeka-Vorstand Weber. Die wirtschaftliche Bedeutung der Policen werde sich in Grenzen halten. „Der Glauben einiger Leute, dass wir von den Zusatzversicherungen leben könnten, ist völliger Unsinn.“

Besonders ärgern sich Privatversicherer, dass Kassen eigene Zusatzpolicen anbieten dürfen. Auch für Gesundheitsökonom Jürgen Wasem ist das ein Systemfehler. Zwar komme das Angebot dem Bedürfnis entgegen, die Gesundheitsversorgung in einer Hand abzusichern. Aber es berge Risiken, etwa weil die Kassen für die Tarife im Gegensatz zur PKV keine Altersrückstellungen bilden. Wasems Fazit: „Wenn man es der GKV weiterhin erlaubt, muss man nachbessern.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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