Private Verunsicherung

Das Geschäftsmodell der Krankenversicherer gerät weiter in Verruf. Schulddaran haben sie selbst

Herbert Fromme

Es steht nicht gut um die private Krankenversicherung (PKV). Die drei Oppositionsparteien SPD, Grüne und Linke würden sie am liebsten abschaffen – eines der wenigen Politikfelder, in dem sich die drei in weiten Teilen einig sind. In der CDU ist die Liebe zu den Privaten eindeutig erkaltet. Nur die FDP hält tapfer zur PKV, ist aber stark geschwächt und kann zentrale Wahlversprechen und Zusagen aus dem Koalitionsvertrag nicht durchsetzen.

Zwar hatten die privaten Versicherer Erfolg damit, die dreijährige Wartefrist bei gut verdienenden Angestellten für den Wechsel von einer gesetzlichen Krankenkasse in die PKV wieder auf ein Jahr zu reduzieren. Davon erhoffen sich die Gesellschaften einen massiven Neugeschäftsschub ab Januar 2011. Aber beim Herzenswunsch der Versicherer an die Regierung, den gesetzlichen Kassen das eigenständige Anbieten von Zusatzversicherungen zu verbieten, hat das Kabinett um Angela Merkel gekniffen – trotz einer entsprechenden Festlegung im Koalitionsvertrag.

Erwartungen enttäuschtAngesichts der großen Erwartungen, die die Privaten in die schwarz-gelbe Regierung gesetzt hatten, kommt der politische Rückschlag für viele Manager überraschend. Aber eigentlich dürfen sich die Vorstände von DKV, Debeka, Barmenia, Central oder Hansemerkur nicht wundern. Die Branche hat kräftig dazu beigetragen, dass ihr Ruf zurzeit nicht der beste ist. Da werben sich große Gesellschaften Zehntausende von Kunden gegenseitig ab und legen dafür atemberaubend hohe Provisionssätze aus – 14 Monatsbeiträge und mehr sind keine Ausnahmen mehr, gezahlt in der Regel vom Kunden. Inzwischen sind viele Unternehmen so verzweifelt, dass Branchenvertreter selbst die Finanzaufsicht BaFin um eine Deckelung der Provisionen gebeten haben.

Da bringen Versicherer Billigtarife auf den Markt, die im Leistungsumfang oft deutlich unter denen der gesetzlichen Kassen liegen. Politiker berichten von Beschwerden ihrer Wähler, dass private Versicherer keine psychotherapeutische Behandlung bezahlen wollen. Die sind bei den meisten Niedrigpreisangeboten vom Leistungsspektrum ausgeschlossen.

Gleichzeitig steigen seit Jahren die Prämien heftig. Das hat nur zum Teil mit den gestiegenen Kosten für die medizinische Versorgung zu tun. Hinter der Beitragsinflation steckt eines der Grundprobleme der PKV: die Alterung ihrer Mitglieder.

Mit Recht betonen die PKV-Funktionäre, dass die Politik kein Konzept habe, um mit den Auswirkungen der alternden Gesellschaft auf die gesetzlichen Kassen umzugehen. Doch die Privaten spüren längst dasselbe Problem. Und sie müssen allein aus bilanzrechtlichen Gründen schon heute dafür Vorsorge treffen, also höhere Preise von ihren Kunden verlangen.

Die Altersprobleme werden sich für die PKV noch verschärfen. Jahrzehntelang wechselten Millionen von Privatversicherten bei Erreichen des Rentenalters wieder in die günstigere gesetzliche Kasse zurück. Damit fielen sie den Privaten nicht durch hohe Behandlungskosten im Alter zur Last, hinterließen ihnen aber ihre erheblichen Alterungsrückstellungen. Dem Spiel machte der damalige CDU-Gesundheitsminister Norbert Blüm Anfang der 90er-Jahre ein Ende, die letzten Schlupflöcher wurden 2000 geschlossen. Seither gilt: einmal privat, immer privat.

Deshalb steigen die Preise für den Bestand. Zusammen mit Billigangeboten für Neukunden und den eingeschränkten Leistungen ergibt sich eine unappetitliche Melange, die mittelfristig für große Akzeptanzprobleme der Branche sorgen wird.

Dazu kommt ein weiteres Kernproblem der Privaten, das ihnen auch politisch enorm schadet: Sie betreiben Rosinenpickerei. Sogenannte gute Risiken sind willkommen. Wer krank oder behindert ist, wird nicht aufgenommen – außer er will in den gesetzlich vorgeschriebenen und eher teuren Standardtarif, der bei den Leistungen genau das Niveau der gesetzlichen Kassen abbildet. Es gibt eine ganze Reihe von hoch verdienenden Managern, auch aus der Assekuranz, die bei AOK oder Techniker gesetzlich versichert sind – weil sie Bluter sind, Diabetes oder eine andere Krankheit haben, die zur Nichtannahme führte. Die Teilung der Gesundheitsversorgung in 90 Prozent der Bevölkerung in den gesetzlichen Kassen und rund zehn Prozent – davon die Hälfte Beamte – in den privaten Gesellschaften mit bevorzugter Behandlung bei Arzt und Krankenhaus wird über kurz oder lang verschwinden.

Wenn es nach der Opposition im Bundestag geht, kommt eine verpflichtende Bürgerversicherung, die privaten Anbieter dürfen dann noch Zusatzdeckungen anbieten. In den Zentralen großer Versicherungskonzerne gibt es andere Modelle: Danach dürfen künftig auch private Gesellschaften Krankenkassen betreiben, wobei aber die größten Risiken weiter vom Staat zu decken wären. Der Staat sorgt über eine von der PKV gemanagte Krankenkasse für die teure Krebsoperation oder die Aidsbehandlung, die PKV selbst versichert die schönen Zähne und den Flachbildschirm am Krankenhausbett. Zumindest einige Konzernchefs können mit der Vision gut leben, die meisten Manager der mittelgroßen Krankenversicherer nicht. Aber bislang haben sie ihr Exit-Modell aus der verfahrenen Situation nicht verraten. Wenn sie mit dem Ausgang der Debatte noch etwas zu tun haben wollen, ist es dafür höchste Zeit.

E-Mail fromme.herbert@guj.de

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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