London zahlt an Versicherte

Kunden der Equitable Life haben Milliarden verloren // Regierung übernimmtVerantwortung

Herbert Fromme , Köln

Die britische Regierung hat die Einzelheiten zu den Schadensersatzzahlungen bekannt gegeben, die frühere Kunden des Lebensversicherers Equitable Life bekommen. Von den Opfern erhalten 945 000 nun 22 Prozent ihres Verlusts. „Das ist ein grober Wortbruch der Koalitionsregierung, die Schadenersatz versprochen hat“, erklärte die Equitable Members Action Group, in der sich Geschädigte zusammengeschlossen haben.

Equitable Life wurde 1746 gegründet und galt als der älteste Lebensversicherer der Welt. Doch im Dezember 2000 musste die Gesellschaft das Neugeschäft einstellen. Zum Verhängnis wurden ihr Lebensversicherungen mit garantierter Verzinsung und Rentenwahlrecht, die in den 70er- und 80er-Jahren verkauft wurden.

1975 erreichte die Inflation in Großbritannien 25 Prozent – die Versicherer gingen davon aus, dass Inflation und Zinsen langfristig hoch bleiben würden. Als beide aber in den 90ern drastisch fielen, hätte die Equitable Life wie andere Versicherer für die garantierten Verpflichtungen Rückstellungen aufbauen müssen. Doch das Unternehmen war stolz darauf, wenig Reserven zu bilden und stattdessen Überschüsse sofort den Versicherten gutzuschreiben. Das Management ging davon aus, es habe laut Satzung das Recht, 90 000 Kunden den Schlussbonus zu kürzen und so den Fehlbetrag auszugleichen.

Aber am 20. Juli 2000 gewannen verärgerte Betroffene ihren Prozess gegen diese Praxis vor dem höchsten Gericht. Das Unternehmen musste sofort Nachzahlungen leisten und Nachreservierungen vornehmen, hatte aber das Geld nicht. Der Versuch, einen Käufer zu finden und mit dem erhofften Preis von 1,5 Mrd. Pfund das Loch zu stopfen, blieb erfolglos.

Die Entschädigungen stammen aus einem 1,5 Mrd. Pfund schweren Fonds, den die britische Regierung aufgelegt hat. Sie zahlt, weil mehrere Untersuchungskommissionen zu dem Ergebnis gekommen waren, London habe die staatlichen Aufsichtspflichten grob missachtet. Pro Kunde beläuft sich die Entschädigung nun im Durchschnitt auf 820 Pfund (950 Euro). Rund 100 000 Kunden bekommen nichts, weil die Zahlung weniger als 10 Pfund ausgemacht hätte. Dafür wären die Verwaltungskosten zu hoch geworden.

Rund 37 000 Kunden mit besonderen Rentenpolicen („with profits annuities“ ) erhalten 620 Mio. Pfund in Form jährlicher Privatrentenzahlungen. Diese Kunden werden damit zu 100 Prozent entschädigt.

Equitable Life verkaufte auch im Ausland, in Deutschland waren mindestens 5000 Kunden betroffen. Auch sie können Ansprüche stellen.

Nach Berechnungen des britischen Finanzministeriums haben die Kunden einen „relativen Verlust“ von 4,8 Mrd. Pfund erlitten – das ist die Differenz zwischen dem, was sie nach dem Zusammenbruch des Unternehmens erhielten, und dem, was ihre Investitionen bei einem vergleichbaren Anbieter eingebracht hätten. Die Geschädigten haben dagegen einen Verlust von 6,8 Mrd. Pfund errechnet.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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