Erdbeben führt zu höheren Prämien

Industrie muss mit Wende bei Katastrophenschutz rechnen //Gespräch mitAllianz-Manager Theis

Herbert Fromme, Anne-Christin

Gröger und Anja Krüger, Köln

Industriekonzerne weltweit müssen zum ersten Mal seit Jahren wieder deutlich mehr für Versicherungsschutz gegen Naturkatastrophen zahlen. „Dafür sorgen das Erdbeben und der Tsunami in Japan“, sagte Axel Theis, Chef des Industrieversicherers Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS) der FTD. Noch sei aber nicht entschieden, ob die Katastrophe zu einer Preiswende in der Industrieversicherung generell – also etwa auch Feuer und Haftpflicht – führe.

„Der Versicherungsmarkt für Naturkatastrophen ist global, und die Ereignisse in Japan haben weltweite Auswirkungen“, sagte er. Unternehmen sichern sich gegen Schäden an Fabriken und Maschinen ab, vor allem aber gegen die Verluste aus Betriebsunterbrechungen, die eine Naturkatastrophe mit sich bringt. „Wir rechnen mit beträchtlichen Schäden in Japan und in anderen Ländern, in denen Unternehmen nicht produzieren können“, sagte Theis. „Wir haben schon zahlreiche Kundenanfragen zum Deckungsumfang, aber bisher noch wenige konkrete Schadenmeldungen.“

Bislang könne die Allianz den Schaden noch nicht beziffern. Für die AGCS betrage die Belastung maximal 65 Mio. Euro. Das Unternehmen kommt in Japan auf Prämieneinnahmen von rund 70 Mio. Euro im Jahr. „Davon stammt rund ein Viertel von deutschen Konzernen, die in Japan tätig sind“, sagte Theis. Daneben versichere seine Gesellschaft auch Niederlassungen vieler Kunden aus anderen europäischen Ländern und den USA sowie japanische Industriebetriebe.

Theis sagte, das Erdbeben könne zu einem Wendepunkt im globalen Markt für Industrierisiken werden, auf dem seit Jahren die Preise fallen. „Solche Ereignisse waren auch der Terrorüberfall vom 11. September 2001 und der Hurrikan „Katrina“ 2005″, sagte er. Nach der Katastrophe gebe es zwei Möglichkeiten: „Entweder wollen einige Versicherer schnell viel Umsatz einsammeln, weil sie Geld zur Schadenzahlung brauchen.“ Das wäre sehr ungesund. „Oder der Markt dreht sich in die andere Richtung.“ Bereits vor dem Erdbeben sei es Industrie und Maklern nicht mehr so einfach gelungen, Preissenkungen durchzusetzen.

Die AGCS hat 70 Mitarbeiter in Tokio, fast alle sind Japaner. „Wir sorgen uns natürlich um unsere Mitarbeiter und die möglichen Auswirkungen radioaktiver Strahlungen“, sagte er. „Für den Fall einer möglichen Schließung des Büros in Tokio haben wir vorsorglich größere Büroräume und Hotelzimmer in Osaka angemietet.“

Inzwischen hat der Allianz-Konzern hat das nach dem Atomunfall erlassene Reiseverbot für Mitarbeiter nach Japan wieder gelockert. „Unsere Spezialisten können jetzt beginnen, Schäden vor Ort zu besichtigen“, sagte Theis. Sie stammten fast ausschließlich aus dem Erdbeben. „Der Tsunami traf vor allem Regionen, in denen es wenig Industrie gibt“, sagte Theis. Strahlenschäden oder Betriebsunterbrechungen, die direkt auf das havarierte Atomkraftwerk Fukushima zurückgehen, seien vom Versicherungsschutz grundsätzlich ausgeschlossen.

Der Ausschluss gilt auch für den Fall, dass Unternehmen wegen fehlender Teile aus Japan nicht produzieren können. „Wenn eine deutsche Firma Teile nicht bekommt und die Produktion steht, weil der Zulieferer in Japan durch das Erdbeben ausfällt, ist das prinzipiell versichert“, sagte Theis. „Das gilt aber nicht, wenn der Lieferausfall durch Kernkraft verursacht wurde.“ Ein neues Deckungskonzept für die Betriebsunterbrechung hat die AGCS fertig – bringt es bislang aber nicht auf den Markt. „Wir sprechen mit unseren Kunden, sehen bislang aber nicht, dass die Nachfrage groß genug ist“, sagte Theis.

Das Konzept geht auf die Diskussion beim Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull auf Island im Mai 2010 zurück, der den Flugverkehr zum Erliegen brachte. Damals konnten Firmen für Ausfälle keinen Ersatz von Versicherern fordern, weil nach deren Bedingungen immer ein versicherbarer Sachschaden Ausgangspunkt der Betriebsunterbrechung sein muss. „Nach der Aschewolke hat jeder gesagt, das hätten wir gerne. Aber nach ein paar Monaten nimmt die Aufmerksamkeit wieder ab“, sagte Theis. Nuklearschäden blieben auch bei einer solchen Police ausgeschlossen.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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