Unsichere Versicherer

Die Assekuranz brüstet sich mit der gut überstandenen Krise. Doch die Branche freut sich zu früh

Herbert Fromme

Eine Entwarnung kann vorweg gegeben werden: Kein großer Versicherer ginge pleite, wenn Griechenland seine Staatsanleihen umstrukturieren müsste. Griechische Gesellschaften würden mit hoher Wahrscheinlichkeit Probleme bekommen, aber nicht die Schwergewichte der Branche.

Ihr Engagement nämlich hält sich in Grenzen. Selbst der italienische Marktführer Generali, der traditionell stärker als seine Rivalen in Südeuropa investiert, hat mit 3 Mrd. Euro in griechischen Staatsanleihen ein überschaubares Risiko. Der größte europäische Versicherer Allianz kommt auf gerade mal 1,3 Mrd. Euro in Hellas, bei Gesamtanlagen seiner Versicherungstöchter von 445 Mrd. Euro.

Dennoch ist die Branche nervös – und das zu Recht. Die Unsicherheit der Versicherer ist vor allem spürbar, wenn es um den geforderten Abschlag oder Haircut bei griechischen Papieren geht. Denn die ökonomischen Folgen eines solchen Schrittes wären unübersehbar. Und das ist noch vorsichtig ausgedrückt, wahrscheinlich nämlich wären sie höchst negativ für die Versicherer.

Vor allem aber muss die Assekuranz mit einem moralisch-politischen Effekt rechnen. Sie grenzt sich immer mehr von den Banken ab und behauptet, als konservativer langfristiger Anleger biete sie Sicherheit statt Spekulation. Müssen Versicherer bedeutende Summen auf Staatspapiere abschreiben, zerrinnt dieser Anspruch.

Denn niemand kann die Möglichkeit einer Kettenreaktion ausschließen. Abschläge auf Griechen-Bonds mögen leicht wegzustecken sein, aber wenn Ähnliches dann für Portugal, Irland oder Spanien erwogen wird, kostet das die Branche richtig viel Geld.

Richtig ernst würde es endgültig dann, wenn spanische und italienische Staatsanleihen unter Druck gerieten. Hier ist beispielsweise die Allianz mit 4,9 Mrd. Euro und 28,2 Mrd. Euro engagiert. Eine heftige Abschreibung auf diese Summen kann jedes ansonsten noch so gute Jahresergebnis ruinieren.

Daneben aber trifft jede derartige Umstrukturierung die Branche auch über Umwege. Die deutschen Versicherer haben rund 1300 Mrd. Euro angelegt – 600 Mrd. Euro davon bei Banken, einschließlich 250 Mrd. Euro in Pfandbriefen. Die Banken – gerade deutsche Institute – sind die Hauptgläubiger der notleidenden Staaten. Geraten sie in schweres Wasser, kommen auch Versicherer in Turbulenzen. Den Beweis lieferte die von der Bundesregierung gerettete Hypo Real Estate. Hier war die Versicherungsbranche so stark betroffen, dass sie sich nicht gegen die Beteiligung an der Rettungsaktion wehren konnte.

Schließlich macht den Konzernherren in München, Paris, Hannover oder Triest noch ein weiteres, großes Problem zu schaffen. Staatsanleihen gelten als sehr konservative Anlageform. Mit der Einführung des Euro hat sich der Investitionshorizont in diesem Segment in einer für die Gesellschaften sehr positiven Weise erweitert. Und die höheren Zinsen, die sie in Südeuropa oder jetzt auch in Irland im Vergleich zu deutschen Anleihen erwirtschaften, brauchen die großen Versicherer dringend.

Denn aus Aktien sind sie nach dem Crash 2001 bis 2003 fast vollständig ausgestiegen. Der Marktführer Allianz hält gerade noch sieben Prozent in Dividendentiteln, in den Hochzeiten des Aktienbooms in den 90er-Jahren waren es mehr als 30 Prozent. Auch Immobilien sind nicht gefragt. Bei allen Versicherern stehen fest verzinsliche Wertpapiere im Mittelpunkt – und dort die Staatsanleihen. Bei der Allianz sind es stolze 140 Mrd. Euro, dazu noch 100 Mrd. Euro in Pfandbriefen, die auch im Kern Garantien staatlicher Körperschaften enthalten – zusammen also 240 Mrd. Euro.

Zurück in die Aktien kann und will kaum jemand – schließlich haben Wertverluste Anfang des vorigen Jahrzehnts manche Gesellschaft an den Rand der Existenz gebracht. Dazu kommt Druck von Regierungen und Versicherungsaufsehern.

Denn nach den neuen Eigenkapitalregeln der EU, die ab 2013 unter dem Namen Solvency II in Kraft treten sollen, benötigen die Versicherer für Anlagen in Aktien weitere 30 bis 40 Prozent als Kapital. Für Staatsanleihen im EU-Raum, gleichgültig ob in Deutschland, Irland, Estland oder Griechenland, müssen sie überhaupt kein Kapital vorweisen.

Sollten Staatsanleihen in EU-Ländern wegen einzelner Ausfälle deutlich unsicherer werden, lässt sich diese Regelung kaum halten. Dann benötigten Versicherer mittelfristig auch für Anlagen in Staatsanleihen eine Kapitalunterlegung, die Geld und damit Rendite kostet. Die Versicherer haben wegen der Niedrigzinsen ohnehin Probleme, die Verzinsungen zu verdienen, die sie ihren Kunden zugesagt haben. Das würde noch schwerer.

Kein Wunder, dass die Branche sich mit Macht gegen einen Abschlag stemmt. Die Allianz brachte einen von der EU gestützten Versicherer für Staatsanleihen in die Diskussion.

Auf keinen Fall einen Haircut, argumentieren andere Branchenvertreter: wenn schon, dann Schritte wie Laufzeitverlängerungen oder den Rückkauf von Anleihen durch die Regierungen zu einem niedrigeren Preis. Denn daraus würde kein unmittelbarer Abschreibungsbedarf entstehen.

Seit Ende 2009 klopfen sich die Versicherer auf die Schulter und versichern sich gegenseitig, wie toll sie die Finanzkrise gemeistert haben – im Gegensatz zur Aktienkrise acht Jahre zuvor. Jetzt zeigt sich, dass die Folgen des Bankencrashs von 2008 die Assekuranz einfach nur später treffen. Immun ist sie nicht.

E-Mail fromme.herbert@guj.de

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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