Versiebt in Berlin

Allianz-Chef Michael Diekmann hält sich in der Hauptstadt aus allem heraus.Politiker sind pikiert, Kollegen irritiert. Denn die Finanzbranche bräuchtegerade jetzt einen mächtigen Fürsprecher

Herbert Fromme , Köln, und Timo Pache, Berlin

Pariser Platz Nummer 6 in Berlin, direkt an Reichstag und Brandenburger Tor, mitten im Herzen der Republik. In der Hauptstadtrepräsentanz der Allianz referiert Finanzminister Wolfgang Schäuble über eine neue Ordnung für die Märkte nach der Finanzkrise. Eingeladen hatten die Allianz und die Stiftung Marktwirtschaft. Schäuble redet über die Irrungen des Kapitalismus, kritisiert die Finanzbranche, entwirft ein Ideal vom guten Staat. Danach stehen Beiträge von Spitzenpolitikern der Grünen und der FDP auf dem Programm. Ausgerechnet der Gastgeber bekommt davon nichts mehr mit: Noch während der Veranstaltung steht Allianz-Vorstandschef Michael Diekmann auf, verweist auf den Starttermin seines Firmenjets – und verschwindet.

Dutzende Augenpaare schauen dem braun gebrannten Manager verwundert nach, wie er sich durch die Reihen zwängt, vorbei an 500 Gästen. Führende Allianz-Leute spannen merklich die Gesichtszüge an. Eben noch hatte ihr oberster Chef in der Begrüßungsrede gesagt, man müsse „die Kommunikation zwischen Politik und Wirtschaft neu beleben“. Und nun das. Diekmann verweigert die Debatte und brüskiert das politische Berlin.

Dabei könnte der Chef einer der weltgrößten Versicherungen gerade jetzt so viel bewegen. In Zeiten, in denen sich Politiker mit Vorschlägen zur Regulierung der Finanzmärkte fast überschlagen, in denen allenthalben neue Gesetze auf den Weg gebracht werden, ist es für Spitzenmanager deutscher Konzerne unumgänglich, regelmäßig in Berlin aufzutauchen, Kontakte zu pflegen, Themen zu platzieren, Interessen zu bekunden. Es geht um die oft beklagte Politik im Hinterzimmer, wenn Entscheidungen vorbereitet oder beeinflusst werden sollen. Telekom-Chef René Obermann oder Martin Winterkorn von Volkswagen beherrschen diese Art der Beziehungspflege blendend. Auch Topmanager aus Banken und Versicherungen wie Nikolaus von Bomhard von Munich Re und, natürlich, Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann folgen regelmäßig der Einladung Schäubles zum vertraulichen Gespräch. „Diekmann dagegen glänzt oft durch Abwesenheit“, wundert sich ein Berliner Spitzenbeamter.

Der Vorstandschef der mächtigen Allianz wäre geradezu prädestiniert, den Obereinflüsterer der Finanzindustrie zu geben. Mit 106 Mrd. Euro Umsatz und 151 000 Mitarbeitern ist der Konzern einer der wichtigsten des Landes – und das einzige wirkliche Schwergewicht der deutschen Finanzwirtschaft. Während die Commerzbank und selbst die Deutsche Bank in der Weltrangliste nur Mittelmaß sind, spielt die Allianz ganz oben mit.

Diekmanns Zurückhaltung im Zentrum der Macht irritiert Politiker und Manager gleichermaßen. „Er will das nicht“, sagen Menschen, die ihn länger kennen. „Er kann das nicht“, sagen andere. Sicher ist: Er tut es nicht. Und das strahlt aus in die gesamte Branche. Wer soll das Gesicht der deutschen Finanzindustrie sein, wenn Josef Ackermann spätestens bei seinem Vertragsende 2013 sein Amt abgibt? Ein starker Nachfolger bei der Deutschen Bank zeichnet sich nicht ab. Bleibt Diekmann.

Der allerdings schickt meist seine Emissäre vor, Paul Achleitner und Oliver Bäte, im Allianz-Vorstand zuständig für Finanzen und Controlling. Achleitner zehrt dabei von seiner Erfahrung und seinen glänzenden Kontakten aus der Zeit als Deutschland-Chef bei Goldman Sachs. Und auch Bäte gilt als früherer Topmann bei McKinsey als gut vernetzt. Man verteile die wichtigen Termine in Berlin eben auf mehrere Schultern, argumentiert die Allianz. Als Beleg schickt das Unternehmen eine Liste mit Gesprächsterminen der vergangenen Monate: Finanzministerium, Wirtschaftsministerium, Kanzleramt. Welcher der drei Topmanager bei den Gesprächen dabei war, verrät der Konzern nicht. Bäte oder Achleitner, einer von beiden komme immer, heißt es in Berlin. Diekmann fast nie.

Selbst an hochkarätig besetzten Hintergrundrunden zu entscheidenden Regulierungsfragen nimmt der Allianz-Chef nicht teil. Bei der Debatte über die Ausgestaltung der neuen Eigenkapitalvorschriften Solvency II fehlte er ebenso wie bei den Gesprächen über die Reform der Finanzaufsicht. Und auch als es um die drohende Restrukturierung europäischer Anleihen ging, die private Investoren wie die Allianz schwer treffen könnten.

Doch nicht nur dieses Desinteresse stößt Politikern und Spitzenbeamten zunehmend sauer auf. Als die Commerzbank vor wenigen Wochen ankündigte, einen Großteil der staatlichen Hilfsgelder zurückzuzahlen, zogen alle maßgeblichen Anteilseigner bei der dafür notwendigen Kapitalerhöhung mit. Alle bis auf einen. Diekmann fährt den Allianz-Anteil an dem Institut zurück und lässt die anderen Eigner zahlen, allen voran den Staat.

Zur Erinnerung: Keine deutsche Großbank wurde von der Finanzkrise so schwer getroffen wie die Dresdner Bank, die Diekmann zwei Wochen vor dem Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers an die Commerzbank verkaufte – gerade noch rechtzeitig. Als die Frankfurter kurz darauf ins Trudeln gerieten, drohte der Deal im Nachhinein zu platzen. Nur die Milliardenhilfen des Bundes verhinderten, dass Diekmann der Dresdner Bank auf die Füße fiel. Dass er dafür kein öffentliches Wort des Dankes fand, wurde in Berlin aufmerksam registriert.

Dass nicht einmal bei der nötigen Kapitalerhöhung auf die Allianz Verlass ist, werten manche als Affront. Es entstehe der Eindruck, der Allianz-Chef halte nichts vom Politikbetrieb, sagt ein Finanzpolitiker der Koalition. Diekmann sei der „komplette Gegenentwurf zu Ackermann“, ergänzt ein Berater der Kanzlerin.

Die Deutschen Bank und die Allianz spielen in derselben Liga. Ihre Chefs nicht. Das war zu Zeiten von Diekmann-Vorgänger Henning Schulte-Noelle anders. Der trug sogar den Spitznamen „Diplomat“, weil er sich so gut aufs Strippenziehen verstand.

In der Finanzbranche sorgt man sich darüber, dass nach Ackermanns Ausscheiden kein Topmanager mehr das Gewicht hat, diesen für Deutschland so wichtigen Wirtschaftszweig gegenüber Regierung und Kanzleramt angemessen zu vertreten. Commerzbank-Chef Martin Blessing kann Angela Merkel kaum auf Augenhöhe entgegentreten – die Bank hängt immer noch am Tropf der Politik. Munich-Re-Lenker von Bomhard ist zwar hoch angesehen, aber sein Konzern ist in einem so speziellen Segment unterwegs, dass er kaum für alle sprechen kann.

Diekmann aber liegt die Rolle nicht. Er ist anders, war er immer schon. Der Unternehmersohn aus Bad Salzuflen lässt sich den Wind um die Nase wehen, ehe er seinen Aufstieg beginnt. „Wir wollten keine Weichlinge heranziehen“, hat sein Vater einmal über ihn und seinen Bruder gesagt. Diekmann studiert neun Jahre, erst Kunstgeschichte und Philosophie, später Jura. Er tingelt als Obstpflücker und Abenteurer um die Welt. Mit einem Freund leitet er kurzzeitig einen eigenen Reisebuchverlag. Erst mit 33 startet er als Quereinsteiger seine Managerkarriere bei der Allianz. 1998 zieht er in den Vorstand ein, 2003 übernimmt er den Vorsitz.

Der neue Chef führt mit harter Hand. „Ich bin sturer Westfale und Steinbock“, sagt der 56-Jährige über sich. Mit dem Umbau des Deutschland-Geschäfts hat er sich unbeliebt gemacht. Rund 5000 Stellenstreichungen beim Versicherer, eine neue Struktur, die bis heute hörbar knirscht, und ein erheblicher Verlust von Marktanteilen in den Kerngeschäftsfeldern – das verzeihen Mitarbeiter nicht so leicht.

Zwar verdient die Allianz nach wie vor bombig, 2010 war das drittbeste Jahr in ihrer Geschichte. Auch ist Diekmanns Stellung im Haus weiterhin stark, gerade erst wurde sein Vertrag vorzeitig um drei Jahre bis 2014 verlängert. Dennoch sind viele unzufrieden mit seiner Art, zu führen und zu repräsentieren. Nicht nur in der Politik, auch im Konzern.

Dort ist es vor allem das Debakel um die Dresdner Bank, das ihm nachhängt. Als die Allianz das Institut 2001 für rund 24 Mrd. Euro kaufte, stimmte Diekmann im Vorstand dafür – und trug danach persönlich die Verantwortung für die Integration. Als die misslang, war von Diekmann-Getreuen auffällig oft zu hören, dass er eigentlich gegen den Kauf gewesen sei. Das haben ihm viele übelgenommen.

Die Wahrnehmung in Berlin ist, dass die Allianz es dem beherzten Eingreifen der Politik zu verdanken hat, dass die Wucht, mit der die Finanzkrise die Dresdner traf, nicht auf den Münchner Konzern durchschlug. Diekmann dagegen sagte einmal, er könne „diese Argumentation nicht nachvollziehen“. Beim Verkauf der Bank sei von Staatshilfe noch gar keine Rede gewesen.

Politiker und Beamte schütteln darüber den Kopf. Man habe die Allianz in den vergangenen Jahren gleich mehrfach „rausgehauen“, merkt ein enger Mitarbeiter Merkels an. Neben dem Fall Dresdner Bank meint er damit insbesondere die milliardenteure Rettung der Hypo Real Estate, bei der die Allianz wie alle Versicherer durch Investitionen in Pfandbriefe hoch engagiert war. Auch in der Euro-Krise und beim Absturz griechischer und portugiesischer Staatsanleihen versteht man sich in Berlin als Helfer der Allianz. Weil die Politik stabilisierend eingreift, wenn für den Versicherer viel auf dem Spiel steht.

Ist Diekmann arrogant? Oder einfach nur autonom? „Ein wenig von beidem“, sagt ein Vorstand aus dem Allianz-Konzern. „Sicher aber ist, dass er sich nichts gefallen lässt.“ Unterm Strich, sagt ein Finanzpolitiker, sei Diekmann mit seiner Ohne-mich-Strategie vielleicht sogar erfolgreicher als andere. Die Allianz sei für die deutsche Wirtschaft viel zu wichtig, als dass man sie ignorieren könnte. Diekmann bekommt auch so, was er will – und dass ganz ohne Geschmäckle und öffentliche Aufregung, wie sie dem Deutsche-Bank-Chef schon oft zuteilwurde. „Er muss sich nicht wie Ackermann von jedem Hinterbänkler kritisieren lassen.“

Die Allianz betont, dass Diekmann viele politische Gespräche bei der EU in Brüssel führe und in vielen globalen und europäischen Gremien vertreten sei. Das stimmt: Im Ausland genießt der Manager großes Ansehen. Für die deutsche Versicherungsbranche indes birgt Diekmanns Vernachlässigung des Berliner Parketts hohe Risiken. So kommen aus der CDU- und FDP-Fraktion zurzeit Gesetzesinitiativen, die klar die Handschrift der Banken tragen – und den Versicherern eher schaden.

Diekmann, so scheint es, hat sein politisches Kapital verbraucht. Dabei verfügt er mit der Repräsentanz am Pariser Platz über eines der größten Gebäude im Zentrum der Macht. Das hat die Allianz übrigens von der Dresdner Bank geerbt – und nicht an die Commerzbank weiterverkauft.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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