Börsenfantasie gesucht

Talanx will 2012 den Kapitalmarkt anzapfen. Noch fehlt es aber an Argumentenfür die Anleger

Herbert Fromme , Hannover

Es ist schon etwas länger her: Am Abend des 17. Dezember 1997 gab der damalige Talanx-Chef Wolf-Dieter Baumgartl erstmals bekannt, dass sein Unternehmen an die Börse wolle. Heute, mehr als 13 Jahre später, ist Talanx immer noch nicht notiert. Ab 2001 sprach die Aktienkrise dagegen. 2006 kaufte Talanx dann den Konkurrenten Gerling: wieder kein günstiger Zeitpunkt für einen Börsengang.

Jetzt wollen die Hannoveraner Ernst machen. „Wir bereiten den Börsengang so vor, dass wir auf Knopfdruck loslegen können“, sagte Baumgartl-Nachfolger Herbert Haas der FTD. Es sei aber kein Geheimnis, dass er 2011 nicht möglich sei. Die wirtschaftliche und politische Lage sei zu unübersichtlich. Außerdem seien die Ergebnisse 2011 durch schwere Katastrophenschäden belastet.

Nach einem Börsengang könnte sich der drittgrößte deutsche Versicherungskonzern berechtigte Hoffnung auf die Aufnahme in den Leitindex DAX machen – wenn es Haas nicht noch an einer überzeugenden Börsenstory für die Anleger fehlen würde.

Dabei blickt das Unternehmen auf eine lange Geschichte zurück: Die Talanx-Vorläufer gibt es seit 1903. Gegründet wurden sie als Selbsthilfeorganisation der deutschen Großindustrie. Private Versicherer konnten bestimmte Haftpflichtrisiken nicht übernehmen, sie waren zu teuer. Oder sie versuchten als Quasi-Monopolisten, die Industrie bei den Bedingungen zu erpressen. Mit diesem Haftpflichtverband der Deutschen Industrie VaG (HDI VaG) wollten die Bosse zwar nicht die privaten Anbieter ersetzen, wohl aber im Zaum halten.

Das ist heute noch so. Die Konzern-Obergesellschaft Talanx hat nur einen Eigner, den HDI VaG. Dieser Versicherungsverein wird von der großen Industrie kontrolliert. Sie verlangt von ihrem Versicherer, dass er sie auch global bei der Expansion begleitet. Ein Börsengang soll diese verstärkte internationale Präsenz finanzieren.

Doch Investoren zu überzeugen wird nicht einfach. Denn erstens will der HDI VaG die Mehrheit nicht aufgeben, die Industrie auch weiter das Sagen haben. Das aber dämpft Übernahmefantasien. Zweitens stammen 11,4 Mrd. Euro des Umsatzes, mehr als die Hälfte, von der Tochter Hannover Rück – und die ist schon mit knapp 50 Prozent börsennotiert. Deshalb muss Talanx das Privatkundengeschäft sanieren und die gut laufende Industrieversicherung verbessern.

Denn die Zeichen mehren sich, dass Talanx 2012 tatsächlich an die Börse will. Die Gruppe hat sich 2010 den japanischen Versicherer Yasuda als Partner gesichert, der eine Anleihe über 300 Mio. Euro zeichnete. Beim Börsengang werden die Papiere in Stammaktien gewandelt. Damit hat Talanx einen ersten Ankerinvestor.

2010 heuerte zudem Wolfram Schmitt als Leiter Investor Relations an, der zuvor zwölf Jahre lang die Kommunikation der Deutschen Bank mit deren Investoren verantwortet hatte. Im April 2011 mandatierte Talanx dann die Bank Rothschild mit der Vorbereitung des Börsengangs.

Bleibt noch die Frage, ob Talanx zuvor eine größere Übernahme ankündigt – und so einen Grund für den Börsengang liefert. 2012 will schließlich auch die niederländische ING ihre Versicherungstöchter aufs Parkett bringen. So viele Versicherungsaktien wollen die Anleger aber nicht unbedingt zeichnen. Haas hält es sich daher offen: „Es könnte auch 2013 sein.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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