Der Klassenprimus spürt den Ernst des Lebens

R+V Versicherung

Herbert Fromme

Der Wiesbadener Versicherungskonzern R+V hat eigentlich alles richtig gemacht – und muss doch 2011 mit mehreren schweren Einschlägen gleichzeitig fertig werden.

Der zum genossenschaftlichen Finanzverbund gehörende Versicherer hat sich eine schlanke und effiziente Struktur gegeben. Er hat defensiv investiert und die Krise gut überstanden. Die R+V hat den Vertrieb über die Genossenschaftsbanken konsequent ausgebaut, eine ordentliche Softwareunterstützung, durchdachte Angebote und hohe Provisionen bereitgestellt.

Außerdem hat die R+V neben ihrer Basis in Landwirtschaft, Gewerbe und kleiner Industrie das Geschäft mit den großen Konzernen ausgebaut, um zu diversifizieren. Und sie hat die aktive Rückversicherung, bei der R+V nicht Rückdeckung einkauft, sondern verkauft, stark ausgebaut. Heute dienen Sturm- und Erdbebenrisiken in Amerika oder Asien zum Ausgleich für die Versicherung von Autofahrern in Mainz oder von Milchvieh in Itzehoe.

Auf der Vertriebsseite hat das Konzept Erfolg. Die R+V wächst seit Jahren stärker als der Markt, vor allem Dank der genossenschaftlichen Banken. Denn sie verkaufen 90 Prozent der Lebensversicherungen und mehr als die Hälfte der Schadenpolicen.

Ob die Rechnung auch beim Ergebnis aufgeht, ist gerade jetzt zweifelhaft. In der Autoversicherung ist die Gruppe mit 3,5 Millionen Fahrzeugen zwar inzwischen der drittgrößte Anbieter im Land, nach HUK-Coburg und Allianz. Doch im laufenden Jahr zahlen die Wiesbadener für den Preiskampf der vergangenen Jahre, in dem sie kräftig Volumen gewinnen konnten.

Die Schaden- und Kostenquote in der Autoversicherung nennt die Firma nicht, sie dürfte aber bei rund 110 Prozent der Beiträge liegen – für Schäden, Verwaltungs- und Vertriebskosten gibt sie zehn Prozent mehr aus, als sie an Beitrag einnimmt. Das liegt deutlich über dem Marktschnitt von 107 Prozent. „Es geht mit den Preisen nach oben“, hofft Vorstand Norbert Rollinger. Doch Rollinger weiß, dass sich das erst in einigen Jahren in den Ergebnissen niederschlägt.

Die zweite Baustelle: Immer mehr Wasserrohre in Wohngebäuden platzen und bescheren Versicherungsgesellschaften hohe Belastungen. Auch hier sind die Preise wegen des Preiskampfs im Keller.

Die gesamte Schaden- und Kostenquote der R+V über alle Sparten lag 2010 deshalb bei 103,7 Prozent der Beiträge, deutlich schlechter als die 98 Prozent aus dem Jahr 2009 und auch schlechter als der Gesamtmarkt, der 2010 auf 98 Prozent kam.

Da passt es überhaupt nicht, dass gerade jetzt Erdbeben und Tsunami in Japan die R+V in ihrer Rolle als Rückversicherer treffen – und nach vorläufigen Schätzungen einen Schaden von 60 Mio. bis 100 Mio. Euro anrichten.

R+V-Chef Friedrich Caspers hält an seinem Kurs fest. Die Belastung aus Japan sei überhaupt nicht tragisch, sagt er. Wirklich schlimm könne ein schwerer Wintersturm über Europa die R+V treffen, ein Unwetter, das jedes zweite Haus abdeckt und zu hohen Schäden auch an Fahrzeugen und Maschinen führt. So etwas kann die R+V 500 Mio. Euro kosten.

Weil die R+V dieses Risiko trägt, brauche sie den Ausgleich – und der funktioniere am besten über die aktive Rückversicherung, gibt sich Caspers überzeugt. Auf den Gewinn 2011 sollen weder Japan noch die 30 Mio. Euro aus dem Beben in Neuseeland eine wesentliche Auswirkung haben, sagt Caspers.

Offenbar ist er bereit, 2011 auch Reserven zu heben, um die Zahlen zu halten. Die Gruppe verdiente 2010 immer noch magere 261 Mio. Euro, verglichen mit 202 Mio. Euro im Vorjahr – bei 9,7 Mrd. Euro Prämieneinnahmen kein berauschendes Ergebnis. Bräche der Gewinn 2011 deutlich ein, könnte sich mancher Genossenschaftsbanker Gedanken machen, ob der Ausgleich für die Wohngebäude in Köln über japanische Erdbebenrisiken wirklich eine so eine gute Idee ist.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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