Drum prüfe, wer sich vertraglich bindet

Rechtsschutzversicherer bieten an, Privatkontrakte vorher abzuklopfen. Dochdie Beratung per E-Mail birgt allerlei Risiken

Nina Giaramita

Als Kate Middleton und Prinz William einander am vergangenen Freitag in der Westminster Abbey das Jawort geben, ist der Ehevertrag der beiden schon längst unter Dach und Fach. Die Konditionen scheinen vor allem für den Prinzen günstig – so soll im Fall einer Scheidung das Sorgerecht für die Kinder an William gehen. Anwälte und Vermögensverwalter beider Seiten haben vermutlich lange an dem Vertragswerk gefeilt. Einen solchen Aufwand können sich Normalsterbliche freilich nicht leisten. Hilfe versprechen hier Rechtsschutzversicherer, die ihren Kunden neuerdings anbieten, Privatverträge vorab zu prüfen.

Bei dem Hamburger Rechtsschutzversicherer Advocard beispielsweise können sämtliche Verträge gecheckt werden, die das Privatrecht betreffen: Ehe-, Miet- und Arbeitsverträge – auch Bauverträge. Gerade Häuslebauer können über so manche rechtlichen Fallstricke stolpern und dadurch viel Geld verlieren. Etwa indem sie unwissentlich zu kurze Gewährleistungsfristen sowie ungünstige Zahlungsregelungen vereinbaren. Die Folge: Die Bauherren können Mängel bereits nach kurzer Zeit nicht mehr geltend machen und müssen möglicherweise selbst zahlen – auch wenn die Baufirma eine mangelhafte Leistung erbracht hat. Eine weitere Falle: Die ausführende Firma kann nach eigenem Ermessen von der Baubeschreibung abweichen, wenn sie vorab einseitige Leistungsbestimmungsrechte im Vertrag durchsetzt.

So etwas können Privatpersonen durch die fachliche Prüfung von Verträgen verhindern. Beim Rechtsschutzversicherer Advocard kostet dieser Service eine jährliche Gebühr von rund 100 Euro. Er kann aber nur in Anspruch genommen werden, wenn bereits eine Rechtsschutzversicherung bei Advocard besteht. Die Kunden haben nach Angaben des Versicherers die Möglichkeit, selbst einen Anwalt zu bestimmen und diesen nicht nur per Mail oder telefonisch zu kontaktieren, sondern auch persönlich um Hilfestellung zu bitten. Pro Versicherungsjahr dürfen die Beratungskosten jedoch 1000 Euro nicht überschreiten.

Bei dem Kölner Rechtsschutzversicherer Roland wird die Vertragsprüfung innerhalb eines „Rechtsservicepakets“ angeboten, das unter anderem elektronische Beratung bei juristischen Problemen sowie die Downloadmöglichkeit von Musterverträgen umfasst. Der Kunde kann den betreffenden Vertrag einscannen und auf den Server des Versicherers laden. Daraufhin bekommt der Anwalt der Rechtsschutzversicherung eine Mail, die ihn über die Anfrage informiert. Der Kunde erhält innerhalb von 48 Stunden eine Antwort. Einige Rechtsgebiete sind von dem Angebot jedoch von vornherein ausgeschlossen, dazu gehören Ehe-, Adoptions- sowie Erbverträge. Auch bei Roland gilt: Man muss bereits Kunde sein. Ohne vorherigen Abschluss einer Versicherung kann das Angebot, das 49 Euro pro Jahr kostet, nicht in Anspruch genommen werden.

Hajo Köster vom Bund der Versicherten hält den zusätzlichen Service der Rechtsschutzversicherer für praktisch: „Das ist im Grunde eine Erweiterung der bereits vorhandenen Beratungshotlines.“ Angesichts der vergleichsweise niedrigen Preise meldet Köster jedoch Zweifel an der Qualität der Beratung an. Michael Wortberg von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz weist zudem darauf hin, dass eine Falschberatung auf elektronischem Weg heikle Folgen haben kann. „Mails können vor Gericht bisher nicht als Beweismittel eingesetzt werden“, sagt Wortberg. Im Klartext: Bei einem Beratungsfehler könnte also am Ende der Kunde auf seinem Schaden sitzen bleiben. Dennoch setzen die Rechtsschutzversicherer vermehrt auf die elektronische Vorabberatung: Marktführer DAS will nach Angaben einer Sprecherin ebenfalls ein solches Angebot einführen.

Wer sich nicht an einen Versicherer binden will, findet im Internet darüber hinaus Anbieter, die gegen eine einmalige Gebühr Vertragsberatungen durchführen. Bei dem Münchner Unternehmen Recht 24/7 können Interessierte Verträge gegen Zahlung von 69 Euro überprüfen lassen. Das Angebot richtet sich sowohl an Privat- als auch an Gewerbekunden und umfasst sämtliche Rechtsgebiete. Die Abwicklung des Beratungsprozederes läuft wie bei den Rechtsschutzversicherern über einen gesicherten Server ab. Der Weg, den die Münchner beschreiten, scheint erfolgreich zu sein. Denn: 24/7 sucht über die Onlineseite für seine „laufende Expansion“ weitere Juristen.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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