Japan-Desaster führt zu D&O-Schäden

Firmen lasten Managern Produktionsausfälle durch Lieferunterbrechung an.Entscheider interessieren sich immer mehr für ihren Versicherungsschutz

Herbert Fromme und Anja Krüger

Versicherer im Segment Managerhaftpflicht, der sogenannten Directors and Officers Liability (D&O), müssen sich auf Ansprüche aus einer ganz ungewohnten Richtung einstellen. Deutsche Industriekonzerne prüfen, ob sie Vorstände aus den eigenen Häusern wegen des Ausfalls japanischer Zulieferer nach dem Erdbeben haftbar machen können.

Stefan Sigulla, Vorstandsmitglied von HDI-Gerling Industrie, sieht das auch so. „Ich kann mir D&O-Ansprüche wegen des Japan-Erdbebens vorstellen“, sagt er. Sigulla kennt beide Seiten des Marktes sehr gut: Bis zu seinem Wechsel in die Assekuranz Ende 2010 war er Versicherungschef bei Siemens. „Das sogenannte Organisationsverschulden spielt eine immer größere Rolle bei den D&O-Schäden“, sagt Sigulla. Ein solches Verschulden könnte vorliegen, wenn ein Verantwortlicher Zulieferungen einseitig ohne ausreichende Gründe bei einzelnen japanischen Firmen konzentriert und keine Alternativen für den Krisenfall vorbereitet hat. Wegen Erdbeben und Tsunami vom 11. März 2011 mussten und müssen Betriebe die Produktion unterbrechen oder drosseln.

Für die versicherten Unternehmen ist die Sache klar – der verantwortliche Vorstand hat einen Fehler gemacht, der die Firma viel Geld kostet. Da soll gefälligst der Versicherer zahlen. Doch ganz so einfach ist das nicht. Die D&O-Police schützt den Manager, nicht das Unternehmen. Es handelt sich nicht um eine Kaskopolice gegen Gewinnrückgänge. Sie greift nur dann, wenn dem Verantwortlichen ein schuldhaftes pflichtwidriges Verhalten nachgewiesen wird. Der Betrieb muss nachweisen, dass es wirklich pflichtwidrig war, nur die Firma aus Japan mit der Lieferung der elektronischen Bauteile zu beauftragen. Die Prüfung neuer Ansprüche verstärkt den Druck auf das Führungspersonal. Deshalb wächst die Entschlossenheit, entsprechende Deckung zu bekommen. „Die Sorge um einen ausreichenden Versicherungsschutz ist stark gewachsen“, sagt Sigulla.

Armin Beier-Thomas vom Makler für Großunternehmen Gebrüder Krose in Bremen beobachtet denselben Trend. „Führungskräfte befassen sich heute viel stärker als noch vor fünf Jahren persönlich mit dem Thema D&O“, sagt er. Oftmals bestehen sie vor Unterzeichnung ihres Vertrags darauf, dass der Abschluss einer D&O-Deckung vereinbart ist. „Die Sensibilität der Manager für dieses Thema ist sehr viel größer geworden.“

Die Nachfrage steigt also. Aber trotzdem sind die Preise aus Sicht der Versicherungsbranche weiter im Keller. „Dafür gibt es eine Reihe von Gründen“, sagt Daniel Messmer vom Rückversicherer Swiss Re. Die Industrieunternehmen sind seit der Krise noch kostenbewusster und wollen sparen. „Bei den Versicherungsmaklern gibt es einen scharfen Verdrängungswettbewerb“, beobachtet Messmer. Die Industrieversicherer ihrerseits müssen mit immer mehr Konkurrenten fertig werden. Und schließlich mischen sich auch Rückversicherer mit hohen Wachstumszielen ein.

„Bei kleinen und mittleren Firmen führen gerade die Pools, die von Brokern organisiert werden, zu weiterem Druck auf Prämien und Bedingungen“, sagt Messmer. Bei der Großindustrie sorgt der Wettbewerb für immer günstigere Bedingungen – für die Kunden. Sogar bei den Banken, die wegen der Finanzkrise eine Zeit lang mehr zahlen mussten, habe sich die Lage entspannt. Alle Welt warte jetzt auf Preiserhöhungen, sagt Messmer. „Aber das vermeintliche Licht am Ende des Tunnels könnte auch das Licht des entgegenkommenden Zuges sein.“

Eine Trendwende ist offenbar nicht in Sicht. „Ich sehe nur wenige Indikatoren für eine Marktverhärtung“, sagt Makler Beier-Thomas. Im Vergleich zu anderen Märkten sind die Prämien hoch genug, um neue Wettbwerber anzulocken. „Es ist nach wie vor so, dass der deutsche D&O-Markt für ausländische Anbieter attraktiv ist“, sagt er. Gerade sind C. V. Starr und Torus auf den deutschen Markt gekommen.

Ob Versicherer Geld mit D&O verdienen, ist unklar. Schäden sind zwar teuer, aber selten. „Da kann eine Gesellschaft 20 Jahre lang schlechte Risiken versichern und trotzdem Glück haben, weil kein Großschaden einschlägt“, sagt Christian Hinsch, Vorstandsmitglied bei Talanx und Chef von HDI-Gerling Industrie.

Verstärkt wird das persönliche Interesse der Manager an ihrer Versicherung durch die Nachhaftung. Mitte Dezember hat der Gesetzgeber mit dem Restrukturierungsgesetz die Verjährungsfrist für Manager von Kreditinstituten und börsennotierten Unternehmen von fünf auf zehn Jahre verdoppelt. Damit keine Deckungslücken entstehen, brauchen Manager längere Nachhaftungszeiten. Akut wird das Problem, wenn der D&O-Vertrag endet. Dann sollte der Versicherungseinkäufer eine Nachmeldefrist vereinbart haben. „Die Versicherer sind grundsätzlich auch dazu bereit“, sagt Makler Beier-Thomas. „Aber sie verlangen dafür erhebliche Zuschläge.“ Und: Nicht bei allen Kunden sind die Anbieter zur Gewährung einer Nachhaftung bereit, und nicht alle Unternehmen kaufen sie ein. Dadurch können Deckungslücken für Manager entstehen.

Auch an anderer Front droht Ungemach. Einige Versicherer wollen Schäden durch Korruption ausschließen. Dabei geht es nicht um diejenigen, die selbst bestechen oder sich bestechen lassen. Für diese gilt ohnehin der Vorsatzausschluss. „Es geht um die Organisationsverantwortung“, sagt Beier-Thomas. Die haben Führungskräfte verletzt, wenn sie kein tragfähiges Compliance-System aufgebaut haben. Kommt es nicht zu neuen schwerwiegenden Schadenfällen, werden die Versicherer das aber nicht durchsetzen können, ist er überzeugt.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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