Munich Re kündigt Expansion in USA an

Konzern will Stagnation bei der Rückversicherung durch Ausbau anderer Felderkompensieren // FTD-Gespräch

Herbert Fromme , Hamburg

Der weltgrößte Rückversicherer Munich Re will seine Präsenz in den Vereinigten Staaten ausbauen. „Wir sind in den USA unterproportional repräsentiert“, sagte Munich-Re-Vorstandsmitglied Torsten Jeworrek im Gespräch mit der FTD. Jeworrek ist innerhalb der Munich Re für das Segment Rückversicherung zuständig. Neben Nordamerika seien Asien und Lateinamerika von entscheidender Bedeutung als Wachstumsmärkte. „Hier sehen wir sehr viel Potenzial.“

Die relative Schwäche in den USA habe historische Gründe. „Ich kann mir dort weitere Übernahmen vorstellen“, sagte Jeworrek. Interesse hat er dabei nicht an reinrassigen Rückversicherern, deren Geschäftsmodell allein aus der Absicherung anderer Gesellschaften gegen Großschäden besteht. „Ich will das nicht ausschließen, aber das müsste schon eine sehr gute Gelegenheit sein.“ Die biete sich aber sehr selten. Die Überschneidung bei den Kunden sei meistens zu groß, dann verliere man Prämie.

Munich Re will eher Unternehmen kaufen, die mit der großen Industrie und in Nischen Geschäfte machen – so wie die jüngst übernommenen Gesellschaften Midland und Hartford Steam Boiler.

Die klassische Rückversicherung wächst seit Jahren nicht mehr. „Es ist auch richtig so, dass dieses Geschäftsfeld stagniert“, so Jeworrek. Der Markt werde wie jede gesättigte Branche durch Über- und Unterkapazitäten getrieben, sei also sehr zyklisch. „Wir erhalten nicht zu jedem Zeitpunkt dieselbe Marge.“ In Zeiten mit niedrigen Gewinnspannen wie jetzt halte sich der Konzern bei der Expansion eher zurück.

Munich Re reagiert auf den Trend wie der Rivale Swiss Re: mit dem Ausbau neuer Felder, vor allem der direkten Versicherung der großen Industrie. Für Jeworrek zählt dabei nicht die klassische Grenze zwischen Erstversicherern, die mit Endkunden Geschäfte machen, und dem Risiko-Großhändler Munich Re. „Wir trennen zwischen den Teilen der Gruppe, die für den Erfolg Standardprodukte und große Vertriebe brauchen, und den Teilen, deren Angebote so komplex sind, dass der Vertrieb fast nebensächlich ist.“

Im Konzern werde der Standardmarkt von Ergo bedient, während Munich Re die Nachfrage nach komplexen Einzeldeckungen bediene. „Das einzige Gebiet, wo wir uns ein wenig überlappen, ist die Industrieversicherung in Deutschland“, sagte er.

In Teilsegmenten sieht Jeworrek hohen Bedarf. Das gelte auf jeden Fall nach dem Erdbeben in Japan für die Katastrophendeckungen. „Hier haben wir noch zweistellige Preiserhöhungen in betroffenen Gebieten“, sagte er. Weltweit rechnet er mit einem Anstieg der Preise für den Katastrophenschutz. Beben und Tsunami in Japan kosten Munich Re nach vorläufigen Modellrechnungen 1,5 Mrd. Euro. „Wir haben die ersten drei Schadenmeldungen im Haus, die bestätigen unsere Modellrechnungen.“

Das Beben vom 11. März habe die Gefahr eines großen Bebens in Tokio – in der gesamten Branche als Big Bang gefürchtet – nicht erhöht. „Zwar gibt es eine verstärkte Erdbebenwahrscheinlichkeit, aber die besteht in einer Nord-Süd-Verwerfung vor Tokio im Meer.“ Dieses Risiko sei weniger kritisch, der Abstand zur Küste sei groß. In der für den Big Bang entscheidenden Ost-West-Verwerfung direkt bei Tokio sei die Gefahr nicht gestiegen. Gemeint sind Verschiebungen der tektonischen Erdplatten.

Neben der Deckung von Naturgefahren sieht Jeworrek gute Chancen in Einzelmärkten: „Zum Beispiel boomt die Autoversicherung in Großbritannien.“ Wann es zu deutlichen Verbesserungen auch in den Haftpflichtmärkten Deutschland und USA komme, hänge von mehreren Faktoren ab. „Einer ist psychologisch, der Schmerz für Akteure im Markt muss größer werden“, so Jeworrek. „Dazu kommen die Bilanzergebnisse. Zurzeit werden die Reserven der Vergangenheit verbraucht.“ Die seien aber bald aufgezehrt.

Der Sex-Skandal um eine Incentive-Reise der Tochtergesellschaft Hamburg-Mannheimer International mit Ausflug ins Rotlichtmilieu von Budapest betreffe den Rückversicherer nur indirekt. „Wir haben eine starke Kundenbindung und eine gute Reputation und werden mit dem Geschäftsmodell der HMI nicht direkt verbunden“, sagte Jeworrek. „Aber die Reputation ist für die gesamte Gruppe ein wichtiges Thema, und darum sind diese Dinge überhaupt nicht tolerierbar.“ Er sei entsetzt, dass es so etwas im Konzern gegeben habe.

Die Regeln der Munich Re seien sehr deutlich. „Wir haben einen hohen Anspruch auf ethisches Verhalten. Der ist eindeutig.“ Er würde in so einem Fall „keinerlei Gnade“ walten lassen, sagte Jeworrek. Dass es zu den Vorgängen kommen konnte, habe nicht an den Regeln gelegen, sondern daran, dass sie missachtet wurden.

Kommentar zur Sex-Affäre 25

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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