Riskante Wortakrobatik

Griechenland droht bei Laufzeitverlängerung Kurssturz der Anleihen //Versicherer müssten verkaufen // Auch Banken gefährdet

André Kühnlenz, Wolfgang Proissl, Rolf Lebert, Frankfurt,

und Herbert Fromme, Köln

Die Gedankenspiele der EU-Spitzenpolitiker zu einer „weichen“ Umschuldung drohen die Krise Griechenlands zu verschärfen. Denn die Idee, neue Hilfen mit veränderten Anleihebedingungen zu verknüpfen, dürften laut Strategen Marktturbulenzen verstärken: Anleihekurse würden einbrechen, eine Bankenkrise wäre die Folge. „Eine freiwillige Änderung des Laufzeitenprofils könnte sich als schmerzhaft herausstellen, insbesondere nachdem S&P angedeutet hat, dass dies zu einem sogenannten Selective-Default-(SD-)Rating führen könnte“, warnte Christoph Rieger, Chefrentenstratege der Commerzbank.

Ein Angebot an die Gläubiger, die Laufzeiten der Anleihen zu verlängern, würden die Bonitätswächter sofort als Zahlungsunfähigkeit werten. Dies gilt auch dann, wenn Anleihebesitzer der Umschuldung freiwillig zustimmen könnten, wie aus den Regeln der Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) für Schuldner mit so geringer Kreditwürdigkeit wie Griechenland hervorgeht. In diesem Fall würden Anleihen Athens auf einen Schlag bei S&P von der derzeitigen Bonitätsstufe „B“ auf „D“ oder „SD“ gesetzt. Dabei steht „D“ für „Default“ wie Zahlungsunfähigkeit. Im Fall von „SD“ oder „Selective Default“ würde sich die Zahlungsunfähigkeit nur auf einen Teil der Anleihen erstrecken.

Kursverfall bei Anleihen Eine Herabstufung hätte zur Folge, dass Versicherer gezwungen sind, sofort ihre Griechen-Anleihen zu verkaufen. Wenn Griechenland auf „D“ oder „SD“ rutscht, müssen Versicherer die Papiere im sogenannten Sicherungsvermögen durch andere ersetzen. Dort liegt das Geld, das Ansprüche der Kunden auch bei Insolvenz des Versicherers abdecken muss. Dieser Verkaufsdruck würde den Kursrutsch bei Griechen-Anleihen beschleunigen, zumal sich kaum noch Käufer finden dürften.

EZB-Drohung Den Banken des Landes droht, dass sie den Zugang zu kurzfristigen Krediten der Europäischen Zentralbank (EZB) verlieren. Davon sind die griechischen Institute aber abhängig, weil sie keine Liquidität mehr zu angemessenen Zinsen am Interbankmarkt bekommen. Die beiden EZB-Direktoriumsmitglieder Jürgen Stark und Lorenzo Bini Smaghi drohten gestern, dass die EZB bei einer freiwilligen Laufzeitverlängerung griechische Staatsanleihen nicht länger als Sicherheit akzeptieren werde.

Auch EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hatte die Euro-Finanzminister bereits bei ihrem vertraulichen Treffen am Montagabend davor gewarnt. Seit Mai 2010 gilt eine Sonderregelung, wonach die Mindestanforderungen an griechische Staatsanleihen bei deren Bewertung durch Ratingagenturen „bis auf Weiteres“ für die EZB-Finanzierungsgeschäfte ausgesetzt sind. Die alten Regeln hätten nach diversen Herabstufungen dazu geführt, dass griechische Banken die Staatsanleihen ihres Landes nicht mehr als Sicherheiten hätten hinterlegen können. Die Institute haben einen Großteil ihres Eigenkapitals in einheimischen Staatspapieren angelegt: Insgesamt halten sie 56 Mrd. Euro.

Bankenkrise in Griechenland Allerdings könnte sich die EZB bei einer Laufzeitverlängerung dennoch als pragmatisch erweisen. „Bei einer wirklich freiwilligen Umschuldung könnte die EZB ihren Teil zur Lösung der Krise beitragen, indem sie ihre Ausnahmeregeln für griechische Staatspapiere unverändert lässt“, sagte Holger Schmieding, Chefökonom der Berenberg Bank. Doch selbst wenn die EZB die Ausnahmeregeln beibehält, droht eine andere Gefahr, wenn griechische Staatsanleihen durch eine Herabstufung an Marktwert verlieren. Denn Banken müssen dafür sorgen, dass der Marktwert der bei der EZB hinterlegten Papiere unverändert bleibt. „Dann wären griechische Banken gezwungen, sich überwiegend wieder auf dem Interbankmarkt zu finanzieren“, sagte Sylvain Broyer, Chefvolkswirt bei Natixis in Frankfurt. „Dort würden die Zinsen exorbitant steigen, was sicher zu einer Bankenkrise führen würde.“

Verluste bei deutschen Banken

Bisher haben deutsche Banken ihre nach internationalen Bilanzierungsstandards als „Halten bis Endfälligkeit“-klassifizierten Griechenland-Anleihen nicht wertberichtigen müssen. Die International Financial Reporting Standards schreiben dies nur bei eingetretenen oder unmittelbar bevorstehenden Verlusten vor. Die deutschen Wirtschaftsprüfer haben bisher keine Wertberichtigungen verlangt, weil es bei der Bedienung von Griechenland-Anleihen keine Zahlungsausfälle gegeben hat.

Sollte es zu Fristenstreckungen kommen, könnte sich die Einschätzung der Wirtschaftsprüfer ändern. Ungeschoren davon kommen, dürften Anleihen, die von Beginn an als „Halten bis Laufzeitende“ eingestuft waren. Bei Anleihen, die in der Kategorie „zum Verkauf verfügbar“ gehalten werden und deren Kursveränderungen gegen das Eigenkapital verrechnet wurden, dürften ergebniswirksame Abschreibungen dagegen unausweichlich sein. Das Gleiche gilt für Papiere, die während der Finanzkrise von „zum Verkauf verfügbar“ in „Halten bis Endfälligkeit“ umklassifiziert wurden.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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