Sexaffäre peinigt Munich Re

Vertriebstochter HMI mietete Prostituierte für Vertreter // Streit mitEx-Mitarbeitern über Millionen

Herbert Fromme , Köln

Die Affäre um gekauften Sex bei einer Lustreise von Versicherungsvertretern einer Vertriebstochter trifft den Rückversicherer Munich Re ins Mark. Der Konzern hält sehr viel auf seine stockkonservative Finanzpolitik, seine Risikomodelle und seine klimapolitischen Initiativen, aber auch auf die moderne Nachwuchspolitik und die Förderung von Frauen in Managementpositionen.

Und jetzt das. Das „Handelsblatt“ berichtete am Donnerstag, wie die besten Vertreter der Tochter Hamburg-Mannheimer International (HMI) im Juni 2007 bei einer Incentive-Reise in Budapest rundum verwöhnt wurden. Teilnehmer erzählten von zahlreichen Prostituierten, die in den angemieteten Gellert-Thermen auf Himmelbetten den Vertrieblern zu Diensten waren.

HMI gehört wie der Versicherer Hamburg Mannheimer – heute Ergo Lebensversicherung – zur Munich-Re-Konzerngesellschaft Ergo in Düsseldorf. Eine Ergo-Sprecherin bestätigte, dass damals rund 20 Prostituierte anwesend waren. Der Vorgang stelle einen „gravierenden Verstoß gegen geltende Richtlinien des Unternehmens dar und wird von uns nicht toleriert“, so die Sprecherin weiter.

Die Sache ist höchst peinlich für die Munich Re und ihren Vorstandsvorsitzenden Nikolaus von Bomhard. Der Weltmarktführer der Rückversicherung wird im Olymp der Hochfinanz belästigt vom ganz realen Gestank mancher Vertriebsstrukturen. „Niemand ist hier erfreut darüber“, sagte ein Sprecher. Warum es überhaupt zu der skandalträchtigen Reise kam, konnte er nicht erklären.

HMI-Chef und Hamburg Mannheimer-Vorstand Ulf Redanz verließ 2009 den Konzern. Redanz hatte die Reise nach Budapest genehmigt. Bezahlt wurde sie indirekt von den Lebensversicherungskunden. Schließlich handelt es sich um Vertriebskosten, die zahlen immer die Kunden. Sein Nachfolger Ludger Griese habe diese Art von Anreizen sofort verboten, hieß es in Unternehmenskreisen.

HMI ist ein typischer Strukturvertrieb mit hoher Fluktuation. Wer erfolgreich ist, wird befördert und verdient auch an den Provisionen seiner Mitarbeiter. EU und Bundesregierung haben in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass auch diese Vermittler besser ausgebildet sein müssen und Beratungsprotokolle erstellen. Robuste Vertriebsmethoden sind aber immer noch ein HMI-Markenzeichen.

Von Bomhard hat nicht nur in Sachen Lustreise Ärger wegen HMI. Eine Reihe von früheren Vertretern und Leitern der Organisation fühlt sich ungerecht behandelt und verlangt Ausgleichszahlungen. In der Vertreterszene heißt es, 150 Mio. Euro seien offen. Tatsächlich streiten sich frühere Mitarbeiter und Ergo wohl eher um 10 Mio. Euro. Die Aussichten für die Kläger sind nicht die besten: Ein Ex-Mitarbeiter, der 3 Mio. Euro erstreiten wollte, musste sich schließlich in einem Vergleich mit 300 000 Euro zufrieden geben.

Regelmäßig bringen Aktionäre die Sache bei Hauptversammlungen der Munich Re zur Sprache. In diesem Jahr waren die Wortmeldungen begleitet von einer ganzseitigen Anzeige im „Handelsblatt“.

Auch der erste Warnschuss in Sachen Prostitutionsaffäre wurde bei der Versammlung am 20. April gesetzt. Der Berater und Wirtschaftsprofessor Leonhard Knoll – der auf zahlreichen Hauptversammlungen auch mit Mandat auftritt – fragte nach „Fringe Benefits im rosaroten Bereich“ in Budapest. Vorstandschef von Bomhard antwortete: „Nach unseren Recherchen konnte nicht ausgeschlossen werden, dass es hier gewisse Exzesse gegeben hat.“

Branchenkreise sehen einen Zusammenhang zwischen den Geldforderungen der Ex-Mitarbeiter, der Hauptversammlungsanfrage und der gestrigen Veröffentlichung. Frühere Vertriebler wollten mit Enthüllungen Druck auf den Konzern aufbauen, um ihn zu mehr Großzügigkeit beim Streit um die HMI-Millionen zu bewegen, sagte ein Insider. Munich Re nahm dazu nicht Stellung.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit