Spezialisten für alle

Mithilfe der genossenschaftlichen Finanzgruppe können auch kleinereGeldhäuser ihren Kunden sämtliche Dienstleistungen bieten. Für dieVerbundunternehmen ist der Bankschalter der wichtigste Vertriebsweg

Patrick Hagen

Die Genossenschaftsbanken wissen, was sie an ihrem Finanzverbund haben: Auch kleinste Institute glänzen mit einem Top-Rating und einem nahezu kompletten Angebot von Finanzdienstleistungen für ihre Kunden. Die genossenschaftliche Idylle ist allerdings gefährdet. Zumindest fürchten kleinere Banken, dass eine strengere Bankenregulierung sie zu Zusammenschlüssen zwingen könnte.

Dabei ist ihnen kaum etwas wichtiger als ihre Autonomie. Die Genossenschaftliche Finanzgruppe Volksbanken Raiffeisenbanken, so nennt sich der Verbund mittlerweile, besteht im Kern aus 1138 rechtlich eigenständigen Banken. Davon machen die Volks- und Raiffeisenbanken den größten Teil aus, daneben gibt es aber auch noch Sparda- und PSD Banken, die BBBank oder etwa die Deutsche Apotheker- und Ärztebank.

Darüber hinaus hat die Finanzgruppe für jeden Zweck eigene Spezialanbieter wie das Leasingunternehmen VR-Leasing, den Versicherer R+V, die Bausparkasse Schwäbisch Hall und den Fondsanbieter Union Investment. „Obwohl unsere Banken mit einer durchschnittlichen Bilanzsumme von 621 Mio. Euro eher kleinere Einheiten bilden, können sie dadurch das ganze Spektrum eines modernen Finanzdienstleisters anbieten“, erläutert Steffen Steudel, Sprecher des Bundesverbands der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR).

Für die Spezialanbieter sind die Genossenschaftsbanken der Hauptvertriebsweg. Einige, wie der Versicherer R+V, haben zusätzlich eigene Vertriebe. Verkaufen die Banken die Produkte dieser Spezialanbieter, bekommen sie dafür eine Provision wie beim Vertrieb von Verträgen Dritter. „Der Unterschied ist, dass die Produktlieferanten an ihre Eigentümer zahlen“, sagt Steudel.

Die Aufgabenteilung im genossenenschaftlichen Verbund ähnelt der des Sparkassenlagers. Die Genossen legen allerdings Wert auf Abgrenzung. Anders als bei den Sparkassen gebe es jeweils einen Anbieter für Bausparen, Versicherungen, Leasing, Fonds und Konsumentenkredite, heißt es beim Verband. „Das ist sicher ein großer Vorteil im Vergleich zu den Sparkassen“, sagt Sprecher Steudel.

Dafür leisten sich die Genossenschaftsbanken immer noch zwei Zentralbanken. Mehrere Anläufe für einen Zusammenschluss zwischen der DZ Bank mit Sitz in Frankfurt und der Düsseldorfer WGZ Bank sind bereits gescheitert, der bisher letzte 2009 im Zuge der Finanzkrise. Seitdem konzentrieren sich die Spitzeninstitute darauf, in Spezialsegmenten zu kooperieren. Im vergangenen Jahr beschlossen sie, ihre Vermögensverwalter für reiche Privatkunden zur DZ Privatbank zusammenzulegen. Zuvor fusionierten sie bereits die Fusionsberatung für Mittelständler.

Das Thema Fusion betrifft aber nicht nur die beiden Spitzeninstitute. Auch einzelne Banken des Verbunds haben sich zu größeren Flächenbanken zusammengeschlossen. Für kleine Kreditgenossenschaften der Finanzgruppe ist das Thema ein rotes Tuch. Sie fürchten regelmäßig um ihre Autonomie. Über die Wahrung ihrer Eigenständigkeit wacht die Interessengemeinschaft kleiner und mittlerer Genossenschaftsbanken. Die Vereinigung wurde im Jahr 2004 von 21 Banken gegründet, mittlerweile gibt es 458 Mitglieder.

„Damals ging die Entwicklung im Bundesverband in eine Richtung, die den Kollegen in den kleineren Banken Sorgen machte“, sagt Heinz Hüning, Vorstand der Volksbank Heiden und Sprecher der Vereinigung. So sei eine Mindestgröße für Genossenschaftsbanken im Gespräch gewesen. Zurzeit gebe es aber keine Konflikte mit dem Verband, betont Hüning. Allerdings könnten jetzt schärfere Regeln für Banken wie Basel III dazu beitragen, dass sich kleinere Banken zusammenschließen müssen. „Administrative Anforderungen wirken sich bei kleineren Banken überproportional aus“, erläutert Hüning: „Das bringt das Geschäftsmodell der kleinen Genossenschaftsbanken in Gefahr.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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