Verunsicherte Versicherungsvertreter

Die Jahrestagung der durch den Budapester Sexskandal in Verruf geratenenVermittler ist ein bizarres Event: Das Gewerbe steht am Pranger, die Funktionärehaben kein Rezept gegen den Image-GAU

Anja Krüger , Dresden

Auf der Bühne steht Frank Thomsen von der Itzehoer Versicherung neben Michael Heinz, Chef des Bundesverbands Deutscher Versicherungskaufleute. Thomsen erzählt den Witz von dem Mann mit Ganzkörpersonnenbrand. Die mehr als 250 Versicherungsvermittler und ihre Frauen im Ballsaal des Parkhotels Weißer Hirsch plaudern. „Der Mann kommt zum Arzt und muss sich ausziehen“, sagt Thomsen. Es wird stiller. Der Mann im Witz will vom Arzt wissen, warum er Viagra verschrieben bekommt – weil so die Bettdecke von seinem verbrannten Körper weggehalten wird. Hahaha.

Vielen auf der Jahrestagung der in Verruf geratenen Branche ist derzeit nicht zum Lachen zumute. Den Versicherungsvertretern sitzt „Budapest“ – so heißt hier die Affäre rund um die Lustreisen der Hamburg-Mannheimer-Vertreter – mächtig in den Knochen. So manch Älterer ist nach Dresden gekommen, für den Incentivereise noch Wandertag heißt – und ist. Doch dass ihr Gewerbe am Pranger steht, verunsichert die Versicherer zutiefst. „Wir brauchen keine Incentives“, sagt ein Makler aus Regensburg, „wir brauchen vernünftige Produkte.“ Derzeit hängt an allem, was sie tun, der Gestank aus „Budapest“. Viele verstehen nicht, wieso.

Verbandschef Heinz sitzt im Raum Düsseldorf in einem Hotel an der Dresdner Frauenkirche und redet sich in Rage. Es geht, logisch, um „Budapest“ – oder besser um diejenigen, die Heinz für den Image-GAU verantwortlich hält: „Medien und Verbraucherschützer stürzen sich mit Wonne auf unseren Berufsstand, statt sich wichtigen Themen zu widmen“, poltert er. Dem Ansehensverlust seiner Leute hat er wenig entgegenzusetzen. Analysen? Initiativen? Fehlanzeige.

Immerhin: Die Hamburg-Mannheimer-Mutter Ergo ist zerknirscht. Viele Kollegen werden ihren Ärger beim großen Ergo-Präsentationsstand am Eingang zur Tagung los. Dort steht Burkhard Wichmann aus der Marketingabteilung mit einer jungen Dame im Ergo-Kostüm, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Die beiden verteilen kleine Anti-Stress-Bälle im Fußballdesign, Kulis und Tassen. „Einige haben ein bisschen Dampf abgelassen“, gibt Wichmann zu. Die meisten hätten gefrotzelt, aber wirklich böse gewesen sei niemand. Er hat die Sprachregelung des Konzerns gut drauf. Der Vorstandsvorsitzende habe ja zu „Budapest“ alles gesagt. Und: Traurig sei das alles, unentschuldbar, peinlich.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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