Viele Probleme, etwas Hoffnung

Die Aktien von Versicherern profitieren vom Zinsanstieg. Doch die Rally könnte schon bald vorbei sein

Friederike Krieger

Hohe Schäden durch Naturkatastrophen, restriktive Eigenkapitalregeln, Sorgen um die Zukunft der Lebensversicherung – die Versicherungsindustrie hat momentan viele Baustellen zu bewältigen. Trotzdem legen ihre Aktien kräftig zu. Analysten raten jedoch zur Vorsicht. Die Rally könnte schon bald wieder vorbei sein.

Der Sektorindex des Stoxx 600, in dem 32 europäische Erst- und Rückversicherer gelistet sind, hat seit Jahresbeginn um 10,4 Prozent zugelegt – so viel wie kein anderer der insgesamt 19 Stoxx-600-Branchenindizes. Einzelne Aktien stiegen deutlich kräftiger, die Titel von ING und Axa zum Beispiel um mehr als 20 Prozent.

Commerzbank-Analyst Roland Pfänder führt das vor allem auf die steigenden Zinsen für langfristige Papiere zurück. „Zehnjährige Bundesanleihen, die im September vergangenen Jahres nur bei 2,2 Prozent rentierten, lagen im April bei 3,5 Prozent“, sagt er. „Das macht das Leben für die Versicherer deutlich leichter.“ Vor allem Lebensversicherer sind auf gut verzinste Papiere angewiesen, um die Garantieversprechen gegenüber ihren Kunden einlösen zu können. Zudem hat die Aussicht auf steigende Prämien die Kurse beflügelt. „Bei den Erstversicherern sind schon seit anderthalb Jahren Preissteigerungen zu beobachten“, sagt Pfänder. „Nach den hohen Naturkatastrophenschäden im ersten Quartal 2011 werden zudem die Preise für Rückversicherungsschutz steigen.“ Rückversicherer nehmen Erstversicherern einen Teil ihrer Risiken ab. Pfänder rechnet damit, dass auch die neuen EU-Eigenkapitalvorschriften Solvency II zu einer höheren Nachfrage nach Rückdeckung führen werden – und damit zu steigenden Prämien.

Pfänder glaubt, dass der Aufwärtstrend bei den Versichererwerten anhalten wird. „Wir sind deutlich positiver gestimmt als zu Jahresbeginn“, sagt er. Allerdings bergen die Titel auch deutlich höhere Risiken als noch vor drei Jahren. „Die Schuldenkrise in Europa könnte zu einem Problem für die Gesellschaften werden“, sagt der Analyst. Versicherer investieren ihr Kapital zum großen Teil in Staatsanleihen und haben oft auch Papiere von Wackelkandidaten wie Griechenland, Irland und Portugal im Portfolio. Auch ein Absacken des Dollar-Kurses würde sich negativ bemerkbar machen. „Vor allem Rückversicherer sind hier stark investiert“, sagt er.

Die Inflation bedeutet eine weitere Gefahr für Versicherer. „Dann reichen die Schadenreserven eventuell nicht mehr aus, um die Schäden zu zahlen“, sagt Pfänder. Dieses Szenario hält er aber für unwahrscheinlich.

WestLB-Analyst Andreas Schäfer ist nicht so optimistisch. „Die Versichereraktien haben wegen des Zinsanstiegs für einige Wochen besser abgeschnitten als der Gesamtmarkt, doch das wird sich wieder normalisieren“, sagt er. Das Kursplus der vergangenen Monate wirke nur so hoch, weil die Ausgangsbasis sehr bescheiden gewesen sei. In der Tat: Auf Sicht von fünf Jahren liegt der Sektorindex der Versicherer 36 Prozent im Minus, nur Bank- und Immobilienaktien haben schlechter abgeschnitten. „Ich glaube nicht, dass Anleger mit Versichereraktien besonders glücklich werden“, sagt Schäfer. Die WestLB geht davon aus, dass der Sektor nur noch minimal zulegen wird. Vor allem bei Lebensversicherern sei unklar, woher noch Wachstum kommen solle.

Stefan Bongardt vom Analysehaus Independent Research sieht das ähnlich. Prämienzuwächse gebe es vor allem bei den Schaden- und Unfallversicherern, bei den Lebensversicherern seien die Wachstumsaussichten sehr eingeschränkt. „Gute Margen lassen sich nur noch in Schwellenländern erzielen, in den europäischen Kernmärkten sind sie unter Druck“, sagt er. Wer trotzdem Versichereraktien kaufen will, dem rät WestLB-Analyst Schäfer zu Rück- und Erstversicherern, die viel Schaden- und Unfallgeschäft haben. „Sie sind nicht so abhängig von der Kapitalmarktentwicklung wie Lebensversicherer“, sagt er.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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